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Dichter, Abenteurer und Journalist #

Durch „Bambi. Eine Lebensgeschichte aus dem Walde“ wurde Felix Salten weltbekannt. Sein Exil, die Schweiz, blieb dem typischen Wiener fremd. Heuer wird seines 150. Geburtstages gedacht. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE, 21. März 2019

Von

Franz Zoglauer


Felix Salten 1910
Felix Salten 1910. Geboren 1869 als Siegmund Salzmann starb der Schriftsteller und Journalist fünf Monate nach Kriegsende 1945 in Zürich.
Foto: Ferdinand Schmutzer (1870–1928). Aus: Wikicommons, unter PD

Er war der Erfinder des erfolgreichen Kinderbuches „Bambi“, des Pornoklassikers „Josefine Mutzenbacher“ und als Journalist ein Pendler zwischen erlebten und selbst initiierten Sensationen. Heuer wird seines 150. Geburtstages gedacht. Sein Leben lässt sich nicht leicht beschreiben, da Felix Salten in seinen Erinnerungen bisweilen die Fantasie durchging.

Geboren wurde der elegante und unternehmungslustige Mann am 6. September 1869 in Pest (später Budapest) als Sohn des Ingenieurs Philipp Salzmann, der sich beim Bau einer Kohlengrube verspekuliert hatte und gemeinsam mit seiner Frau Maria und dem vier Wochen alten Baby völlig verarmt in die Wiener Vorstadt zog. Dort dürfte der heranwachsende Bub, der damals noch Siegmund Salzmann hieß, jenes Milieu kennengelernt haben, das er in den Lebenserinnerungen der Wienerischen Dirne Josefine Mutzenbacher so wirklichkeitsnah beschrieben hat. Die Autorenschaft hat er offiziell weder bestätigt noch abgestritten. Das viele Jahre hindurch verbotene Plädoyer für Lust und Begierde erfreute nicht nur Lüstlinge aller Arten, sondern auch Literaturexperten. Friedrich Torberg lobte die „treffende Sittenschilderung“ und Franzobel sah darin „eines der ersten Trashbücher“. Schon als kleines Mädchen wurde die Fini zur Prostitution gezwungen. „Ich bin nicht im Dreck der Vororte erstickt“, resümierte sie als ältere Frau. Ich habe mir eine schöne Bildung erworben, die ich einzig und allein der Hurerei verdanke.“

Zunehmender Antisemitismus #

Im Gymnasium wurde Salzmann zum ersten Mal mit dem zunehmenden Antisemitismus konfrontiert. Im Streit mit einem Mitschüler wurde dem Kind jüdischer Eltern weniger geglaubt als dem Sohn des katholischen Bezirksrichters. Sein früher Schulabbruch erfolgte wegen der finanziellen Situation der Familie. Salzmann musste einen Job bei einer Versicherung annehmen, brachte sich Bildung und gutes Benehmen selbst bei und veröffentlichte sein erstes Gedicht in einer Literaturzeitschrift unter dem Namen Felix Salten. Bei einer Einladung lernte er den um sieben Jahre älteren Arzt und Schriftsteller Arthur Schnitzler kennen, der ihn zu dem Kreis von „Jung-Wien“ ins Café Griensteidl brachte.

Mit Ausnahme von Salten handelte es sich um junge Literaten aus vermögendem, großbürgerlichem Milieu. Der geniale Schüler Hugo von Hofmannsthal, der sich als Lyriker Loris nannte; Hermann Bahr, der Namensgeber der Gruppe, der die Moderne förderte, und Karl Kraus, der schon damals ein schonungsloser Kritiker war: Sie alle fühlten sich nicht nur als Dichter, sondern lebten auch ihre Dichtungen, bei gemeinsamen Radtouren und Abenteuern. Schnitzler war der liebesmonomane Don Juan und Salten sein Diener Leporello, der seinem Herrn nacheiferte. Schnitzler bat Salten, die Schauspielerin Adele Sandrock zu verführen, die Schnitzler los werden wollte. „Wo ich euch feige Hunde erblicke, bekommt ihr von mir Ohrfeigen“, schrieb sie Schnitzler, als sie das Komplott durchschaut hatte.

Die Ohrfeigen hatte dann allerdings Karl Kraus bekommen und nicht von der Sandrock. Als Kraus Saltens Verhältnis mit der Burgschauspielerin Ottilie Metzel, Saltens späterer Gattin, öffentlich machte, ohrfeigte ihn Salten im Cafe Griensteidl. „Wenn man ihn ohrfeigt ist er beleidigt, wenn man ihn nicht ohrfeigt nimmt er es als Bestechungsversuch“, schrieb Schnitzler in sein Tagebuch. So ging es also zu in der Wienerstadt. Vielleicht hatte der Watschenmann den begeisterten Wiener Felix Salten zu dessen köstlichem Buch über den historischen Wurstelprater mit all seinen skurrilen Attraktionen und Typen inspiriert.

An Persönlichkeiten, über die es sich zu schreiben lohnte, war damals in Wien kein Mangel. Saltens Essay über den heute vielgeschmähten populistischen Wiener Bürgermeister Karl Lueger hatte wegen seiner objektiven Sicht sogar Sigmund Freud begeistert. „Er war ein Menschenfänger ohnegleichen, ein genialischer Schauspieler … Er war ein echter Wiener Kleinbürger, das heißt also, er war kein richtiger Hasser, nur ein rechter Schimpfer“, schrieb der Jude Salten über den Antisemiten Lueger. Nach dem Tod von Hofoperndirektor Gustav Mahler stellte Salten fest, was nur in Wien möglich sei: „Nirgendwo anders darf ein Mensch seine Wut über die eigene Sterilität hinter der Ausrede bergen, er wache voll Eifer über ehrwürdige Tradition, und darf nirgendwo unter dem Schutz einer solchen Ausrede alle neue Kunst, jede neue Idee, jede frische Regung niedertrampeln ... Trauern mag man in Wien über Gustav Mahler, aber man hat keine Ursache stolz darauf zu sein, wie man ihn behandelt hat.“

Seinen größten Erfolg hatte der leidenschaftliche Jäger Salten 1923 mit seiner „Lebensgeschichte aus dem Wald, Bambi“. Der Autor, der ursprünglich wie viele seiner Kollegen den Ersten Weltkrieg zunächst verherrlicht hatte, verarbeitete in dem Kinderbuch Kriegserlebnisse wie das mechanische Töten. Trotz des Welterfolges durch die Disney-Verfilmung verbesserte sich Saltens finanzielle Situation nicht, da er die Filmrechte für nur 1000 Dollar verkauft hatte. Salten verfasste zahlreiche Tiergeschichten, in denen sich Tiere wie Menschen verhalten. „15 Hasen in Wald und Feld“ veranlasste Karl Kraus zu seinem Pamphlet „Jüdelnde Hasen“.

Saltens Vielseitigkeit ist bewundernswert. Er schrieb Romane, Novellen, Theaterstücke, Operettenlibretti, Filmdrehbücher, Kritiken und Reportagen. So nebenbei versuchte er, der ein Onkel von Karl Farkas war, auch das Berliner Kabarett nach Wien zu bringen und scheiterte dabei mit Künstlern wie Frank Wedekind im Theater an der Wien.

Berichte über Skandale #

Saltens journalistischer Geniestreich waren seine Aktualität vortäuschenden Berichte über das Erdbeben in San Francisco, die er in Berlin und Wien verfasste. International berühmt wurde er auch durch seine Berichterstattung über die Skandale der Hocharistokratie. Über Erzherzog Leopold Ferdinand etwa, der wegen einer Beziehung zu einer Prostituierten aus dem Kaiserhaus austrat und sich künftig Wölfing nannte. Für internationales Aufsehen sorgte vor allem die Flucht von Luise von Sachsen-Coburg, der Tochter des belgischen Königs Leopold des Zweiten und der habsburgischen Erzherzogin Marie Henriette, mit ihrem Liebhaber Géza Mattatich. Der verschuldete ungarische Offizier wurde eingesperrt, die Prinzessin in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert. Salten hatte bei der Flucht und Befreiung der Prinzessin und des Offiziers mitgeholfen und darüber als Journalist exklusiv berichtet.

Kritisiert wurde seine Tätigkeit als Präsident des österreichischen P.E.N. Clubs bei der Tagung 1933 in Dubrovnik. Salten lehnte die Verurteilung des deutschen P.E.N. ab, obwohl dieser Bücherverbrennung und Rassenverfolgung akzeptiert hatte. Möglicherweise, weil Salten panische Angst davor hatte, nun auch seine letzten Einnahmen aus seinen Büchern in Deutschland zu verlieren. Wie viele seiner Kollegen hoffte er vergeblich, dass der Nazi- Spuk bald vorbei wäre. Salten fühlte sich als assimilierter Jude und wurde immer wieder als Zionist bezeichnet. Er war mit Theodor Herzl befreundet und hatte in seinem schwärmerischen Buch „Neue Menschen auf alter Erde“ die Juden in Palästina prophetisch gewarnt: „Wenn sie jetzt Hass und Vergeltung säen, werden sie niemals Liebe oder nur Duldung ernten.“

Spät, aber doch verließ er gemeinsam mit seiner Frau Ottilie seine österreichische Heimat und zog zu seiner Tochter Anna Katharina in die Schweiz. Sein Sohn war bereits 1937 bei einem Autounfall in Italien ums Leben gekommen. Seine Frau starb 1942. Da Salten als Emigrant weder seinen Beruf als Schriftsteller oder Journalist in der Schweiz ausüben durfte und auch sonst keinerlei Tantiemen beziehen konnte, musste er in größter Armut leben. Die Schweiz blieb diesem typischen Wiener, der fünf Monate nach Kriegsende 1945 in Zürich starb, fremd. Er liegt dort auf dem israelitischen Friedhof begraben.

DIE FURCHE, 21. März 2019