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Billionen gefrorener Augenblicke#

Der technologische Fortschritt hat die Fotografie zur beliebigen Alltäglichkeit gemacht. Das schadet ihr nicht.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 23. November 2018

Von

Bernhard Baumgartner


Fotograf in seinem Studio um 1850.
Fotograf in seinem Studio um 1850.
Foto: Author unknown. Aus: Wikicommons, unter PD

Die Szene spielt im Auto, die Fahrt dauert und es ist öde. Plötzlich reißt es Marie, als ob sie etwas vergessen hätte - die Herdplatte abzudrehen oder die Haustüre zu versperren. Hektisch zieht der Teenager sein Handy aus der Tasche und macht ein schnelles Selfie. Das wird routiniert per Snapchat verschickt. Marie atmet durch. "Fast hätte ich meine Flamme verloren", sagt sie und atmet hörbar durch. Die Flamme, sie ist das Zeichen der Power-User auf Snapchat. Wer brav jeden Tag ein Foto macht und verschickt, wird mit dem gelben Symbol geadelt, die Zahl daneben sagt aus, wie lange man die Flamme schon hat. Je mehr Tage, desto angesehener in der Community. Millionen Fotos entstehen nur deswegen, weil man das kleine Symbol brennen lassen will. Das Foto ist dabei unbedeutend, es ist nur das Mittel zum Zweck - Anerkennung der Follower. Was auf dem Bild zu sehen ist, spielt keine Rolle mehr.

1,2 Billionen (eine Zahl mit 12 Stellen) Fotos wurden im Vorjahr Schätzungen zufolge weltweit angefertigt. 2013 waren es nur etwa halb so viele. Und es werden immer mehr. Die Fotografie hat sich Hand in Hand mit dem Smartphone zum ständigen Begleiter entwickelt. Jeder kann jederzeit ein Foto oder ein Video anfertigen. Vorbereitung ist dabei nicht nötig. Fotografie liegt im Trend, wie auch die Beliebtheit der Photo+Adventure zeigt, die am Wochenende in der Messe Wien stattfindet.

Die Menschen investieren keinen großen Gedanken an ideale Augenblicke oder mögliche Motive. Was man sieht und dokumentieren will, wird geknipst. Kosten: wenig. Aufwand: kaum vorhanden. Die Fotografie wird dabei zum Werkzeug der Dokumentation des eigenen Lebens. Dass die allermeisten dieser Fotos weder nochmals angesehen geschweige denn ausgedruckt oder anderweitig für die Zukunft fixiert werden, spielt dabei keine Rolle. Zumindest bis zum nächsten Datenverlust.

Man kann nur spekulieren, was Louis Jacques Mandé Daguerre zu Maries Umgang mit der Fotografie gesagt hätte. Vermutlich wäre er entsetzt, was aus seiner Entwicklung geworden ist. Denn der französische Maler und Theaterdekorateur hatte 1839 sein weiterentwickeltes mechanisches Verfahren zum Festhalten von Augenblicken der Pariser Öffentlichkeit vorgestellt. Unabhängig von Vor- und Parallelentwicklungen gilt dieser Moment im August 1930 als Geburtsstunde der Fotografie, die somit im kommenden Jahr ihren 180. Geburtstag feiern wird (entsprechende Ausstellungen und Aktivitäten wurden auch in Wien bereits angekündigt). Daguerre verwendete versilberte Kupferplatten, die mit Jod oder Brom sensibilisiert wurden. Nach der Belichtung wurden diese mit Quecksilber bedampft, um ein Positiv zu bekommen. Giftig, umständlich, teuer und zeitraubend war die Fotografie. Spontanität ließ alleine das umfangreiche Equipment nicht zu. Kopieren konnte man die Bilder auch nicht. Jedes Stück war und blieb ein Unikat. Dass sich das Verfahren dennoch durchsetzte, darf als Zeugnis des hohen Bedarfs gesehen werden, den die Gesellschaft schon damals darin sah.

Man konnte sein Bildnis sozusagen im Wortsinn "verewigen", ohne auf die Hand eines Zeichners oder Malers angewiesen zu sein. Das hatte erstmals etwas von Spuren in der Welt hinterlassen und es ist kein Wunder, dass in den bürgerlichen Familien des späten 19. Jahrhunderts der jährliche Gang zum Fotografen zur lieben Gewohnheit wurde.

Ertrinken in Beliebigkeit? Manche Traditionalisten sehen in der Bilderflut, die die Menschheit seit einigen Jahren überschwemmt, den Tod der Fotografie als Kunstform und ihr Ertrinken in der Beliebigkeit. Doch das ist zu kurz gedacht. Sicherlich, die Bilder, die hier entstehen, sind nur selten Kunst. Aber wenn man sich durch das soziale Medium Instagram klickt, sieht man, dass heute so viele Menschen wie noch nie versuchen, ansprechende und auch ambitionierte Fotografie zu betreiben. Dass der Markt für Kameras durch die Allgegenwart der Smartphones an Absatzschwäche leidet, darf nicht als Indiz für eine Krise der Fotografie gesehen werden. Wenn ein Hersteller sogar bei der Kamera in seinem Handy mit Leica-Technologie wirbt, kann man das als Signal lesen, dass es einen hohen Bedarf an guter Technologie geben muss, auch wenn diese nicht als klassische Kamera verbaut ist. Tausendschaften an Foto-Apps, ursprünglich gedacht als Nebenbei-Feature auf einem Telefon, entwickeln sich immer mehr zum Werkzeug, für alle verfügbar. Nur Puristen würden das eher als Gefahr denn als Chance sehen.

Denn wenn Marie heute eine Leica R8 in die Hand bekommt, einst ganzer Stolz und geliebtes Werkzeug des ambitionierten Motivjägers der Neunziger, dreht sie sie um und fragt, wo denn da der Bildschirm ist - zum Ansehen der Bilder. Dass es so etwas damals nicht gab und dass man Filme belichtete, die man erst entwickeln musste, muss sich für sie wie ein Märchen aus dem Mittelalter anhören. Weit weg und vor allem: heillos rückständig. Wie schickt man denn da ein Bild über Snapchat? Die Flamme, Sie wissen schon . . .

Wiener Zeitung, 22. November 2018