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Unsoziale Medien#

Warum aus den Verheißungen der schönen neuen Welt des Cyberspace nichts geworden ist - eine Klagsschrift.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 7. Februar 2019

Von

Thomas Seifert


Wien. "Multimedia": Dieser Begriff war 1995 zum "Wort des Jahres" erkoren worden. Weitere Schlagworte dieses Jahres: Cyberspace und Internet.

In diesem Jahr, 1995, fand auch die 1993 gegründete "Global Village"-Konferenz erstmals im Wiener Rathaus statt. Stadtentwickler, Architekten, Raumplaner und Informatiker träumten bei der "Global Village"-Konferenz von neuen Arbeitsformen, neuen Partizipationsmöglichkeiten der Bürger, neuen Wohn-, Lebens- und Arbeitsformen und einem neuen Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie - das alles ermöglicht durch das im Entstehen begriffene "Global Village", wo die Welt - nun verknüpft durchs Internet - zum Dorf wird. Das Publikumsinteresse war enorm, ein Raunen ging durch die Community, als der "Standard" im Rahmen der Veranstaltung als erste Online-Plattform einer deutschsprachigen Zeitung ins Netz ging.

Militärstrategen und Hippies#

Das Internet - eine Ausgeburt von US-Militärstrategen, die im Kalten Krieg mit ihrem ausfallsicheren Kommunikationssystem Arpanet die Basis dafür geschaffen hatten, und von Hippies der kalifornischen Gegenkultur, die die anarchische Architektur dieser Systemarchitektur liebten - war in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Es war die Zeit der Hedonisten, in Wien feierten Raver im Gasometer, in Berlin zog die Loveparade unter dem Wummern von Techno-Klängen über den Kurfürstendamm (und später vom Ernst-Reuter-Platz über die Siegessäule bis zum Brandenburger Tor). Das Motto: Friede, Freude, Eierkuchen.

Supernova in der Gutenberg-Galaxis#

Und es war eine Zeit der Techno-Optimisten: "Digitale Technologie schien eine Lösung gegen den Mangel an Wissen und gegen Barrieren für Ausdrucksmöglichkeiten, die einen großen Teil der Welt in den Fesseln von Tyrannei und Ignoranz gehalten hatten", schreibt der Medienwissenschafter an der Universität von Virginia, Siva Vaidhyanathan, in seinem Buch "Antisocial Media - How Facebook Disconnects Us and Undermines Democracy". Das Netz schien für alle Probleme der Gegenwart die Lösung zu sein: Massenbildung, Massenverfügbarkeit von Qualitätsmedien, ungeahnte Partizipationsmöglichkeiten der Cyber-Citoyens, die nicht mehr zu bloßen Medienempfängern degradiert sind, sondern selbst Inhalte ins Netz stellen können. Eine Supernova, die die Gutenberg-Galaxis (der US-Medientheoretiker Marshall McLuhan hatte diesen Begriff in seinem 1962 erschienenen gleichnamigen Buch geprägt) aus den Angeln heben sollte.

Doch es dauerte nicht lange, bis das Netz nach den enthusiastischen, idealistischen Anfangsjahren seine Unschuld verlor: Die utopischen Pioniere wurden nach und nach von Geschäftemachern verdrängt, Cyber-Communities wurden von Sozialen Netzwerken abgelöst. In den USA waren vor allem Compuserve, Prodigy und America Online (AOL) beliebt - diese Systeme waren auch die ersten sozialen Netzwerke. Doch diese geschlossenen Systeme waren gegenüber den Weiten des Internets im Nachteil: Inzwischen war der Webbrowser zum Standard-Eintrittstor ins Netz geworden. Mit Friendster und MySpace traten 2002 die ersten größeren für diese Anwendung zugeschnittenen Player auf den Plan.

Vor 15 Jahren ging "TheFacebook" online#

Am 4. Februar 2004, vor über 15 Jahren, ging Mark Zuckerbergs "TheFacebook" online und trat einen beispiellosen Siegeszug an. MySpace war damit plötzlich in den Augen der Userinnen und User uncool und verschwand bald in der Versenkung. Obwohl die Gründungsgeschichte - "TheFacebook" war ursprünglich dazu ersonnen worden, die Attraktivität der Mitstudentinnen an der Universität Harvard zu bewerten - eigentlich misstrauisch hätte stimmen sollen, knüpften die Techno-Optimisten anfangs wieder ihre Hoffnungen auf die immer wichtiger werdenden sozialen Medien.

Facebook und das 2006 gegründete Diskussionsforum Twitter würde es den Menschen leichter machen, ihren Freundeskreis zu erweitern oder mit Familienmitgliedern und Freunden in Kontakt zu bleiben und den öffentlichen Diskurs bereichern. Nun würden die Versprechungen der frühen Cyber-Pioniere von mehr Transparenz, Offenheit und Demokratie endlich eingelöst.

Facebook als Instrument im Arabischen Frühling#

Der Arabische Frühling des Jahres 2011 schien den Utopisten recht zu geben: Der Google-Mitarbeiter und ägyptische Internet-Aktivist Wael Ghonim spielte mit seiner Facebook-Seite eine nicht unbedeutende Rolle bei der Revolution in Ägypten, die zum Sturz Hosni Mubaraks führte. Auch bei der Revolution in Tunesien war Facebook das wichtigste Mittel zur Mobilisierung der Massen.

Doch bald zeigte sich, dass die Utopie bloß eine Chimäre war - ganz abgesehen davon, dass der Arabische Frühling einem arabischen Winter gewichen war und Terrorgruppen wie ISIS das Netz meisterhaft für den Cyber-Dschihad zu nutzen verstanden.

Massenverwirrungswaffe Social Media#

Das Jahr 2016 markiert dann den Siegeszug der Twitter-Trumpokratie in den Vereinigten Staaten und der Brexit im Vereinigten Königreich wäre ohne die Massenverwirrungswaffe Social Media wohl nicht möglich gewesen.

So nutzte das von der US-Lobbyistin und Trump-Großspenderin Rebekah Mercer geführte Datenanalyseunternehmen Cambridge Analytica Facebook-Nutzerdaten, um die Wählerinnen und Wähler in der Wahlkampagne 2016 zu manipulieren. Trollfabriken in Russland und selbst in Mazedonien produzierten Fake News, die Trump nutzen sollten. Und im Fall des Brexit schließlich wurde von den Brexit-Befürwortern eine vom Brexit-Unterstützer mit zwielichtigen Kreml-Kontakten, Arron Banks, erdachte obskure Online-Werbestrategie auf Facebook gefahren, die vor allem das Migrationsthema in den Vordergrund rückte: "Meine Erfahrung mit Sozialen Medien ist, dass sie ein Feuersturm sind, der wie ein Buschfeuer über alles fegt. (...) Die Einwanderungsfrage war es, die die wilden Feuer in Brand setzte", sagte Banks vor einem britischen Untersuchungsausschuss.

Von der Utopie zur Dystopie#

Die Utopie war nicht nur Chimäre, sie war zur Dystopie mutiert. Einer der Propheten dieser Dystopie ist der US-Medientheoretiker Neil Postman, einer der Mentoren des eingangs mit seinem Buch "Antisocal Media" zitierten Medienwissenschafters Siva Vaidhyanathan. Postman hatte Mitte der 80er Jahre ein kulturpessimistisches Buch mit dem Titel: "Wir amüsieren uns zu Tode" veröffentlicht, das heute eine merkwürdige Aktualität hat. In diesem Buch diagnostizierte Postman einen tiefgreifenden Wandel der US-amerikanischen Kultur von einer inhalts- zu einer unterhaltungsorientierten Gesellschaft.

Durch die Ablösung des wortbestimmten, von Zeitungen und Radio dominierten, "Zeitalters der Erörterung" durch das bildbestimmte "Zeitalter des Showbusiness" der TV-Epoche werde Erkenntnisstreben durch bloße Zerstreuung ersetzt - und zwar in jedem denkbaren Lebensbereich, schrieb Postman. In einer solchen Welt siege die Emotion über die Ratio, Schnelligkeit und Kurzlebigkeit der Fernsehbilder würden eine Reflexion der vermittelten Inhalte verhindern, weshalb die Präsentation selbst entscheidendes Kriterium der Urteilsbildung wird. Die Politik, so Postman, sei längst eine Sparte des Showbusiness geworden.

Das war, notabene, vor Blogs, Websites, Userkommentaren, Facebook, Twitter, Shitstorms und Hatemails und dem mörderischen 24/7-Nachrichtenzyklus. Für Postman war das TV-Gerät die Wurzel allen Übels, was aber ist Social Media wenn nicht so etwas wie das TV-Gerät auf Steroiden?

Postman erinnerte 1985, als das Buch in den USA in die Buchhandlungen kam, an George Orwells Buch "1984": "Als 1984 kam und die Prophezeiung nicht eintrat, stimmten nachdenkliche Amerikaner verhaltene Loblieder an - auf sich selbst. Die Wurzeln der freiheitlichen Demokratie hatten gehalten. Mochte anderswo der Terror ausgebrochen sein - uns zumindest hatten Orwells Albträume nicht heimgesucht."

Orwell oder Huxley?#

Neil Postman erinnerte daran, dass es neben Orwells "1984" eine zweite Roman-Dystopie mit einem ähnlichen Thema gibt: Aldous Huxleys "Schöne neue Welt". Während Orwell vor der Unterdrückung durch den Großen Bruder warnt, unterwerfen sich die Protagonisten in Huxleys schöner neuen Welt freiwillig jenen Technologien, die ihre Denkfähigkeit zunichtemachen. Während Orwell vor den Zensoren warnt, fürchtet Huxley jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, dass wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können. Die Verfechter der bürgerlichen Freiheiten hätten nicht berücksichtigt, so Huxley in "Schöne neue Welt. Dreißig Jahre danach" oder "Wiedersehen mit der ‚Schönen neuen Welt" (Brave New World Revisited), dass "das Verlangen des Menschen nach Zerstreuungen fast grenzenlos ist".

Aber genauso wie die Vision der Techno-Utopisten sich nicht bewahrheitet hat, muss auch die Apokalypse der Techno-Dystopiker nicht Realität werden. User, Gesetzgeber und Regulatoren sind lernfähig, genauso, wie Neue Medien Gesellschaften und Menschen verändern, reagieren Individuen und Gesellschaften auf diese Neuen Medien.

Wiener Zeitung, 7. Februar 2019