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Das Virus und die Infodemie #

Der Journalismus stirbt gerade dann, wenn wir ihn am meisten brauchen.#


Von der Wiener Zeitung (22. Mai 2021) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Melissa Fleming


Melissa Fleming ist UN-Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation. Ihr Text ist am 27. April auch in 'We The Peoples' erschienen.
Melissa Fleming ist UN-Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation. Ihr Text ist am 27. April auch in "We The Peoples" erschienen.
Foto: © privat

Jeden Morgen beim Kaffee schaue ich mir die Nachrichten an. Ich kann nicht sagen, dass das in den besten Zeiten erbaulich ist, schon gar nicht in diesen dunklen Tagen. Aber in meinem Job kann ich es mir nicht leisten, in seliger Unwissenheit über die Welt zu bleiben. Ich verlasse mich auf guten Journalismus, um mich zu informieren und meine Arbeit zu bereichern, genau wie Millionen anderer Menschen rund um den Globus.

Aber stellen Sie sich vor, wenn zuverlässige Nachrichtenquellen plötzlich verschwinden würden: Wohin könnten wir uns wenden, um Informationen zu bekommen? Nehmen wir an, es gäbe einen totalen Nachrichten-Blackout, genau jetzt, während der Pandemie. Schauen Sie sich Ihren Social-Media-Feed an: Auf wen könnten Sie sich verlassen, um zuverlässige, möglicherweise lebensrettende Updates zu teilen? Ich schätze, das Bild würde ziemlich schnell ziemlich düster werden.

Dieses Szenario ist keine Übertreibung. Es ist das, was uns erwartet, wenn wir nicht handeln. Nur wenigen mag es bewusst sein, aber die Pandemie drängt die Medien des öffentlichen Interesses an den Rand des Aussterbens. Der Journalismus für das Gemeinwohl, die Art, die sich um das öffentliche Wohl und die Sicherheit kümmert, ist fast überall auf der Welt in ernsten Schwierigkeiten.

Wir sind hungriger denn je nach genauen Informationen#

Ironischerweise geschieht dies zu einer Zeit, in der wir hungriger denn je nach genauen Informationen sind. Wenn Krisen auftreten, schalten wir in Rekordzahlen die Nachrichten ein. Eine Umfrage des Reuters Institute for Journalism hat ergeben, dass die Nachrichtenredaktionen zu Beginn der Corona-Pandemie einen starken Anstieg der Zugriffszahlen verzeichneten, da wir alle versuchten, etwas über das neue Virus zu erfahren, das unsere Kommunen heimsucht. Doch im Zeitalter des Internets bedeuten größere Zuschauerzahlen oft nicht gleich höhere Einnahmen für die Medienunternehmen. Tatsächlich sanken diese schon lange vor der Pandemie, selbst als das Engagement der Zuschauer zunahm. Und dann kamen die Sperren, die dazu führten, dass sich Werbeverträge in Luft auflösten. In derselben Umfrage für 2020 gaben die Zeitungen an, dass sie mit weltweiten Verlusten in Höhe von 30 Milliarden Dollar rechnen müssen.

Dieses düstere Bild hat zu Warnungen geführt, dass die Pandemie ein Aussterbeereignis für die Medien ist. Sowohl in den reichen als auch in den einkommensschwachen Ländern werden Redaktionen geschlossen, Arbeitsplätze abgebaut und Nachrichtenwüsten zurückgelassen. Diese wachsenden Lücken in der Nachrichtenberichterstattung schaffen ein perfektes Umfeld, in dem sich Lügen, Mythen und Desinformationen vermehren und verbreiten können.

Für diejenigen von uns, die gegen die anhaltende Infodemie kämpfen, müssen diese Warnungen ein Weckruf sein. Desinformation gefährdet die Gesundheit von Millionen Menschen auf der ganzen Welt und bedroht nicht nur die globalen Impfbemühungen gegen Covid-19, sondern auch den Kampf gegen den katastrophalen Klimawandel. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind eines unserer besten Werkzeuge in diesem Kampf. Wir können es uns nicht leisten, sie zu verlieren. Schließlich sehen die meisten Journalisten das Entlarven von Lügen und Mythen als einen zentralen Teil ihrer Arbeit an. Im Vorjahr gaben mehr als 80 Prozent der vom International Center for Journalists befragten Medienschaffenden an, dass sie bei ihrer Arbeit mindestens einmal pro Woche auf Desinformation stoßen, jede/r vierte sogar mehrmals am Tag.

Gefährliche Lügen und Mythen übertönen#

Doch guter Journalismus geht weiter als Faktencheck. Er erzählt die menschlichen Geschichten hinter den harten Statistiken und bricht komplexe Informationen in nachvollziehbare Erzählungen herunter, die die Kraft haben, gefährliche Lügen und Mythen zu übertönen. Damit stehen Journalisten und Journalistinnen an vorderster Front im Kampf gegen die Infodemie, gerade in einer Zeit, in der Drohungen, Gewalt und Einschüchterung gegen sie zunehmen.

Vor dem Welttag der Pressefreiheit moderierte ich eine von den Vereinten Nationen geleitete Diskussion darüber, was globale Institutionen tun können, damit die öffentlichkeitswirksamen Medien diesen Ansturm überleben. Ganz oben auf der Tagesordnung stehen Pläne für einen Internationalen Fonds für Public Interest Media, einen jährlichen Fonds in Höhe von 1 Milliarde Dollar, um die Branche zu stützen. Der Fonds wurde von der philanthropischen Organisation Luminate zusammen mit Spendern, der Zivilgesellschaft und dem Privatsektor ins Leben gerufen und zielt darauf ab, nachhaltige, langfristige Investitionen zu tätigen, um Medien von öffentlichem Interesse eine Zukunft zu geben, insbesondere in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen.

Schwierige Zeiten wie diese erinnern uns daran, dass vertrauenswürdige Nachrichten kein Luxus sind, sondern ein wichtiges öffentliches Gut. Jene, die sie uns zum Morgenkaffee servieren, brauchen Hilfe, um gestärkt aus dieser schrecklichen Pandemie hervorzugehen. Was auch immer als Nächstes passiert, wie schlecht die Nachrichten auch sein mögen - lassen Sie uns ihren Service ein wenig mehr schätzen.

Wiener Zeitung, 22. Mai 2021