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Abholstation#

(Das Wort „Postkasten“ bekommt eine weitere Bedeutung)#

von Martin Krusche

Wenn ich Pakete für die Post schnüre, nehme ich gerne reichlich Packpapier, was dicke Falze ergibt, durch welche die Stirnseiten der Packerln gepolstert werden. Das muß ich mir abgewöhnen. Diese buckelige Verpackungsform ist im Versand nämlich teurer als ein glatter Quader. Poststücke werden unterwegs maschinell abgefertigt. Der Bucklige Brocken macht einfach mehr Arbeit, die glatte Version ist maschinengerecht.

Das automatisierte Postfach – (Foto: Martin Krusche)
Das automatisierte Postfach – (Foto: Martin Krusche)

Falls Sie je wenigstens in einem Film gesehen haben, wie Kräfte der Post vor riesigen Wänden mit Fächern herumwerken, werden Sie verstehen, daß sich viele dieser Kräfte eine anregendere Arbeit vorstellen können. Es ist also gut, daß uns Maschinen eintönige Jobs abnehmen. Das schrammt dann an der Frage entlang, wie Menschen ihr Brot verdienen, wenn Maschinen ihre Arbeit tun. Es wäre vielleicht darüber nachzudenken, ob wir Arbeit (als sinnvolles Tun) und Broterwerb wieder stärker getrennt sehen und bewerten müßten.

Die abendländische Kultur kennt aus der Antike einen sehr positiv gedeuteten Begriff von Muße als Gegenteil der Arbeit, bevor uns diese Art fruchtbarer Beschaulichkeit als Müßiggang denunziert worden ist. Das lateinische Wort otium bezeichnet schöpferische Muße, während negotium für Tätigkeit, Beschäftigung steht.

Wenn also Maschinensysteme unsere Produktivität so angehoben haben, daß wir nicht mehr allesamt 40 Stunden die Woche an Lohnarbeit leisten müssen, könnten Arbeit und Muße ganz neu bewertet werden, um in menschlicher Gemeinschaft freundlichere Lebensbedingungen zu schaffen.

Automaten begleiten mich seit meiner Kindheit, waren seinerzeit rein mechanisch, sind dann teilweise elektrifiziert worden, bis die Digitale Revolution ganz neue Varianten hervorbrachte. Ich hab als kleines Kerlchen natürlich vor allem die Kaugummi-Automaten wahrgenommen. Ich fand Apparate merkwürdig, die einen nach Einwurf einer Münze mit Kölnischwasser besprühten. Auf Gasthaus-Toiletten lösten Kondom-Automaten bei uns Buben Gekicher aus. Getränkeautomaten weckten unsere Begehrlichkeiten ebenso laufend wie Musikautomaten. Zigarettenautomaten waren uns natürlich verboten und allein dadurch schon reizvoll.

Der quietschgelbe Automatensalon – (Foto: Martin Krusche)
Der quietschgelbe Automatensalon – (Foto: Martin Krusche)

Die allgegenwärtigen Telefonhäuschen bargen Apparate, welche man auch den Automaten zurechnen darf. Flipperautomaten waren uns wundersame Boten der Popkultur, von unseren bildungsbeflissenen Eltern natürlich geächtet. Genug von diesen Reminiszenzen. Ich war also gerade bei der Post, die uns inzwischen abverlangt, daß Sendungen in genormte Briefschlitze passen und von Maschinen leicht verarbeitbar sind. Wer das ignoriert, bezahlt mehr. Der Begriff Postkasten müßte aufgrund technischer Innovationen und veränderter Abläufe eine Neudeutung erfahren.

Inzwischen sind sogar auf dem Land komplette Stationen installiert, in denen man Sendungen holen oder abschicken kann, ohne dabei auf Personal angewiesen zu sein. Ein eigener Raum ist rund um die Uhr zugänglich. Elektronisch verwaltete Fächer dienen als Depots, eine komplexe Maschinerie nimmt Pakete zum Versand entgegen. Das schafft einen merkwürdigen Raum der Stille und Einsamkeit bei der Begegnung mit einem Maschinensystem, das auch ganze Menschen verschlucken und in alle Welt verschicken könnte.

Derzeit möchte man rund um technische Neuerungen noch von halbwegs angemessenen Adaptionsphasen für uns Menschen sprechen. Vieles kam jetzt nicht gerade überfallsartig. Etliche Jahre durften wir uns in Schalterhallen der Banken mit Buchungsautomaten vertraut machen, die teils mit Geldautomaten kombiniert sind und uns überdies Kontoauszüge ausspucken. Davor sehe ich gelegentlich immer noch Menschen ratlos stehen.

Wie lange ist es her, daß man uns für die Autos automatisierte Waschstraßen angeboten hat? Aber der eigentlich sensationelle Wow-Effekt kam schon in meinen Jahren als Kleinkind daher. Meine Großmütter hatten noch in Waschküchen gewirkt, wo unter eingemauerten Kesseln ein Feuer entfacht wurde. Später lagen die großen Holzlöffel, mit Wachmittelnamen bedruckt, nutzlos herum, einst dazu gemacht, in den Kesseln die Wäsche umzurühren.

Erste, simpel gebaute Waschmaschinen verbreiteten sich in unserem Milieu meist dort, wo das Geld schon für einen elektrischen Kühlschrank gereicht hatte, der vorrangig ins Haus kam. Das wohlklingende Wort Waschvollautomat kündete derweil noch von unerschwinglichen Geräten. Ende der 1950er Jahre hat so ein Waschvollautomat fast gleich viel gekostet wie ein fabrikneues Puch-Auto.

Wer also in den 1950er- und 1960er Jahren geboren wurde, wuchs mit derlei Automatisierungsschritten im Alltags auf. Man konnte es stets auch an den Fotoapparaten ablesen. Ich hatte als Volksschulkind eine alte Kamera, bei der man Entfernung, Blende und Verschlußzeit jeweils einstellen mußte. Während meiner Schuljahre setzten sich neue Kompaktkameras durch, allen voran die Kodak instamatic. Komplexitätsreduktion. Schließlich wurden Fotoapparate auch im Laien-Segment motorisiert, elektrifiziert, dann kam die Digitalisierung, was die Mechanik überflüssig werden ließ.

Bank-Profi Buchungsautomat – (Foto: Martin Krusche)
Bank-Profi Buchungsautomat – (Foto: Martin Krusche)
Bedrohte Art: Das Münztelefon – (Foto: Martin Krusche)
Bedrohte Art: Das Münztelefon – (Foto: Martin Krusche)
Der Klassiker: Getränkeautomat – (Foto: Martin Krusche)
Der Klassiker: Getränkeautomat – (Foto: Martin Krusche)

Ach, dauernd verliere ich bei diesem Thema die Post aus den Augen. Es war ja eben erst geschehen, da hatte ich ein Paket am Postamt abzuholen. Es wurde mir von einer Bediensteten ausgehändigt. Wenige Wochen später erhielt ich ein weiteres Packerl, diesmal von einer Maschine ausgefolgt, von einer Apparatur, die ich oben schon skizziert habe. Auf der gelben Benachrichtigung zeigte der Stempel mit dem Hinweis „Abholstation“, was es geschlagen hatte. Um den Automaten-Raum betreten zu können, ist laut Notiz „gegebenenfalls eine Bankomatkarte erforderlich“. Eine weitere Information besagt: „Mo-So 0:00-24:00“.

Ich finde das rasend interessant, denn wir sind mittlerweile in einem völlig neuen Abschnitt der Mensch-Maschinen-Interaktion angekommen. Automaten im Alltag waren seit meiner Kindheit meist handliche Apparate, die eine Warenausgabe durch Menschen ersetzten. Geräte, die einem wie Schatullen oder Schränkchen greifbare blieben. Derzeit entfalten sich in unserer alltäglichen Umgebung ganz neue Zonen der Automatisierung.

Das ist erwähnenswert, weil es sich inzwischen mitten in der Stadt, also mitten in der Gesellschaft ereignet. Technisch ist nichts Besonderes daran. Meine Post-Benachrichtigung trug einen Strichcode, den ich dem Lesegerät vorwies. Der Bildschirm machte mir ein Feld zur Unterschrift auf, danach öffnete sich die entsprechend Fachtüre, hinter der mein Päckchen lag. Das ist leichter zu handhaben als der Buchungsautomat in der Bank.

Kodak retina: Feinmechanik für Eigenverantwortliche – (Foto: Martin Krusche)
Kodak retina: Feinmechanik für Eigenverantwortliche – (Foto: Martin Krusche)
Kodak instamatic: Maximale Komplexitätsreduktion – (Foto: Martin Krusche)
Kodak instamatic: Maximale Komplexitätsreduktion – (Foto: Martin Krusche)

Wäre ich schon „gechipt“, also mit einem Chip unter der Haut ausgestattet, ließe sich der Vorgang wohl noch etwas straffen. Die Chips der RFID-Technik sind inzwischen so klein, daß sie vermutlich nicht einmal ein Jucken verursachen, wenn man einen implantiert bekommt. RFID steht für „radio-frequency identification“. Das bedeutet, gechipte Dinge oder auch Lebewesen können ohne äußere Stromzufuhr mit passenden Geräten ihre Daten austauschen, können auf der Basis von Radiowellen eigenständig miteinander kommunizieren. (Stichwort: Internet der Dinge.) Science Fiction? Aber nein! So müssen etwa in Österreich Hunde gechipt sein; unter der Androhung von „Strafen bis zu 3.700 Euro bei Missachtung“. Ich habe schon beschrieben, wie beispielsweise in der Gleisdorfer Stadtapotheke ein Logistik-Roboter seine Arbeit aufnahm.

Welche Konfusionen durch Fahrscheinautomaten heute rund um die geschlossene Kassa am Bahnhof entstehen können, muß ich niemandem erzählen. Da sind wir wohl fast alle schon einmal vor Ort ins Grübeln gekommen. Jüngst wurden diese Geräte von der ÖBB mit neuer Software versehen, schon wieder Grübelei. All diese Mensch-Maschinen-Schnittstellen bleiben für uns offenbar Barrieren. (Womöglich werden Maschinen irgendwann müde, sich mit unserer partiellen Begriffsstutzigkeit abzumühen.)

Kuriosität: Friedhofskerzen aus der Maschine – (Foto: Martin Krusche)
Kuriosität: Friedhofskerzen aus der Maschine – (Foto: Martin Krusche)
Kuriosität: Handtücher und Verhütungsmittel, kompakt – (Foto: Martin Krusche)
Kuriosität: Handtücher und Verhütungsmittel, kompakt – (Foto: Martin Krusche)

Das alles handelt einerseits davon, uns Menschen Arbeiten abzunehmen, die nicht gerade den Geist anregen. Das bewirkt andrerseits ein zunehmendes Verschwinden von Jobs. Werden dabei auch neue Jobs geschaffen? Gewiß! Doch das geschieht asymmetrisch. Im Klartext: diese Gesellschaft geht längst in eine neue Automatisierungswelle hinein, durch die wir Millionen an bezahlten Jobs verlieren werden. Das ist ein unbestrittenes Faktum, ein derart radikaler Prozeß, daß wir vermutlich schon in wenigen Jahrzehnten unsere Vorstellung von Massenbeschäftigung ins Museum tragen dürfen.

Wenige Jahrzehnte, das meint maximal 30 Jahre, vielleicht bloß 20. Botschaft angekommen? Das geht jetzt rasend schnell und hat noch andere interessante Fragen im Kielwasser. Dazu gehört auf jeden Fall „der gläserne Mensch“, denn unsere Wünsche, Phantasien, Handlungen, Schritte sind schon jetzt für Maschinen umfassend lesbar, wo jemand wenigstens ein Mobiltelefon mit Internetverbindung benützt.

Diese Dinge sind weitreichende Realität. Es gibt stürmische Entwicklungssprünge; unter anderem, weil rund um den Globus unvorstellbare Geldsummen in selbstlernende Systeme, Robotik und künstliche Intelligenzen investiert werden. Einwände? Eine Maschinenstürmerei, wie zur Ersten Industriellen Revolution, als mechanische Spinnmaschinen und Webstühle Menschen in Hunger und Elend stießen, hat schon damals keine Probleme gelöst, würde es auch heute nicht tun.

Nun wäre zu fragen, weshalb wir diese Themen zwar längst in unserer Alltagsrealität finden, Politik, Wirtschaft, aber auch Kulturschaffende sich dazu kaum bis gar nicht exponieren. Warum lese ich darüber nichts in den Blättern, die uns doch stichhaltige Berichte über unser Leben andienen? Weshalb schweigen darüber etablierte Agenturen der Wirtschaft, liefern uns vor allem schöne Bilder plus nette Aktionen?

Hat die Politik andere Sorgen, als das massenhafte Verschwinden von konventionellen Jobs, wie es sich am Horizont zeigt, in ihre laufenden Arbeit einzubeziehen? Sind Kunstschaffende wirklich Seismographen dieser Gesellschaft und wenigstens einige unter ihnen befähigt, die Zeichen der Zeit zu lesen, zu deuten? Fragen über Fragen…

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