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Die Grazer Renn-Semmel#

(Motorsport mit dem Steyr-Puch 500: ein Beispiel)#

von Martin Krusche

Ein kleiner Satz drückt exemplarisch aus, was die Volksmotorisierung der Nachkriegszeit unter anderem so prägnant macht: „Meine Eltern Hans Peter Krakhofer (1944-2012) und Monika Krakhofer (1944, geb. Roehtlich) haben 1967 mit dem Rallysport begonnen und waren bis in die 80er aktiv.“

Motorsportlerin Monika Krakhofer - (Foto: Archiv Krakhofer)
Motorsportlerin Monika Krakhofer - (Foto: Archiv Krakhofer)

Das schrieb Stefan Krakhofer, der momentan versierten Beistand für die Restaurierung eines Klassikers sucht. Es ist ein Steyr-Puch 500 aus dem Jahr 1958, mit dem einst Bewerbe erfolgreich gefahren wurden.

Wir müssen uns heute erst damit vertraut machen, daß sich hier ein Beispiel für „Volskultur in der technischen Welt“ auftut. Für die Wissenschaft ist das seit rund einem halben Jahrhundert ein vertrauter Untersuchungsgegenstand, in den Kulturreferaten des Landes ist solche Klarheit noch nicht angekommen.

Die automobile Ausstattung des Ehepaares zeigt exemplarisch, wie damals Alltagsfahrzeuge ambitionierten Menschen die Sport-Zugänge öffneten, wie plötzlich breite Teile der Bevölkerung an solchen Phänomenen teilhaben konnten.

Eine Porsche 356? Ein Big Healey? Ein Jaguar aus der XK-Reihe? Nein! Für eine Sportpraxis mit solchen Autos hätte man schon sehr gut situiert sein müssen. Aber es ging nun endlich auch eine Kategorie preiswerter. Krakhofer über seine Eltern: „Rallies wurden von ihnen auf Fiat, Steyr Puch 500, VW Käfer, VW Variant, Skoda etc. bestritten und 1978 gewannen sie den Mitropa Junior Cup.“

(Foto: Archiv Krakhofer)
(Foto: Archiv Krakhofer)

Zum Vergleich ein Seitenblick zur Profi-Liga in diesem Jahr. Damals gewann Franz Wittmann sen. (mit Kurt Nestinger) die 22. ARBÖ-Rally auf Opel Kadett GT/E, gefolgt von Wolfgang Šulc (mit Michael Oberortner) auf BMW 2002 Ti. Zu der Zeit waren auch häufig Fiat 131 Abarth und Ford Escort RS 1800 MKII im Einsatz, Porsche 911, Renault 5 Alpine, Toyota Corolla GT; nicht zu vergessen der brachiale Lancia Stratos HF, den man ab 1972 bei Rallies sehen konnte.

Das ist also leicht erkennbar ein ganz anders Kosten-Segment. Vor diesem Hintgergrund mag deutlich werden, was es für motorsportbegeisterte Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg bedeuten konnte, wenn ein vergleichsweise sehr preiswertes Fahrzeug einen standfesten Motor mit erheblichen Leistungsreserven hatte.

Der Puch-Motor war von seiner Konstruktion her auf das Doppelte dessen ausgelegt, was die Serienversion abgab, um über dieses Konzept (und die Drosselung) der Maschine Langlebigkeit zu verleihen.

(Foto: Archiv Krakhofer)
(Foto: Archiv Krakhofer)
(Foto: Archiv Krakhofer)
(Foto: Archiv Krakhofer)

Krakhofer merkt zu seinen Eltern an: „Die erste Goldmedaille habe sie 1967 auf 1500 VW Limousine gewonnen. Mit dem Puch 500, Baujahr 1958, hat meine Mutter viele Rallies bestritten und einige gewonnen.“

Das rührt noch an einen anderen Aspekt dieser Geschichte, wie er in Amerika lange davor Wirkung entfaltet hatte. Im Englischen heißt dieser Effekt „Win On Sunday, Sell On Monday“. Typen, die auf der Rennstrecke gewinnen, verkaufen sich gut.

Der Motorsport war übrigens schon zum Beginn des 20. Jahrhundert für Altmeister Johann Puch eine bedeutende Quelle der Kaufargumente, die er seiner Kundschaft vorlegte. Das hatte der findige PR-Profi Puch anfangs im Radrennsport ausgelotet und umfassend genutzt, das war auch für Automobile wichtig.

Wenn etwa ein bedeutendes historisches Fahrzeug „Puch Alpenwagen“ benannt wurde, kam das von Rennen, bei denen sich Fahrer und Fahrzeuge auf unsern Bergstrecken bewähren mußten.

Nelson Ireson von der Plattform Motor Authority formulierte es so: "A study released today has found that there's a strong link between participation in motorsports and sales on dealer lots. Back in the mid-20th century, the association between winning races on Sunday and selling cars on Monday was an accepted fact.“ (Quelle)

Es galt demnach Mitte des vorigen Jahrhunderts als akzeptierte Tatsache, daß Rennsiege am Sonntag den Autoverkauf am Montag ankurbeln würde. Ein guter Grund für Automobilhersteller, in Werksteams zu investieren.

Privatpersonen wollten vor allem ihrer Leidenschaft nachgehen können, was übrigens heute mit den selben Autos von damals möglich ist. Allerhand Motorsport-Veranstaltungen unter der Klassik-Flagge sorgen gegenwärtig auf die gleiche Weise dafür, daß man mit leistbarem Kostenaufwand Rennen fahren kann, ohne sich im Können mit erfahrenen Professionals messen zu müssen.

Im Grazer Puchwerk reagierte man seinerzeit auf solche Tendenzen etwa mit „amtlichen“ Tuning-Sätzen und Anweisungen zu deren Einsatz. Der Zubehör-Handel bediente dieses Feld ebenfalls und ich wußte schon als Bub, was eine „Monte Carlo-Anlage“ ist, nämlich eine leistungssteigernde Auspuffanalge.

Krakhofer: „Seit 1972 sind meine Eltern ausschliesslich mit VW Käfer und Skoda gefahren und auf den Puch 500 wurde vergessen. Seitdem steht er in der Garage und wurde einmal bewegt, bei der Überstellung in die neue Garage.“

Die frühe Version des zeitlosen Stromlinien-Sportlers: Porsche 356 Coupé – (Foto: Martin Krusche)
Die frühe Version des zeitlosen Stromlinien-Sportlers: Porsche 356 Coupé – (Foto: Martin Krusche)
Selten und eher zickig, naja, sagen wir: spröde: Jaguar XK 140 Fixed Head Coupé – (Foto: Martin Krusche)
Selten und eher zickig, naja, sagen wir: spröde: Jaguar XK 140 Fixed Head Coupé – (Foto: Martin Krusche)
Prächtiger Roadster: Austin-Healey 3000, der größere von den Big Healeys – (Foto: Martin Krusche)
Prächtiger Roadster: Austin-Healey 3000, der größere von den Big Healeys – (Foto: Martin Krusche)

Die schlechte Nachricht: Automobile erleiden schon nach wenigen Monaten Standschäden. Der Krakhofer-Wagen bedarf also gewiß einer umfassenden Bearbeitung.

Die gute Nachricht: Hier wartet ein Auto mit Renngeschichte auf Wiederbelebung, dessen einfache, robuste Technik heute keine Rätsel aufgibt. Das ovale Markenzeichen am Bug und die großen Blinker machen deutlich, daß hier die erste Variante des Pucherls steht. Das Fahrzeug hat übrigens laut Besitzer „ein hartes Dach und ein Stoff-Dach“.

Das Puch-Schammerl wurde ja ursprünglich mit Rollverdeck („Stoff-Dach“) ausgeliefert; man spricht von einer Cabriolimousine. Das Stahldach kam später in Gebrauch (Version 500 D), kann aber mit recht wenigen Handgriffen an- und abgebaut werden. (Ein wesentlicher Unterschied zu den Häuseln des italienischen Fiat Nuova 500.)

So ganz nebenbei fiel in unserer Korrespondenz übrigens noch ein wichtiger Satz: „Meine Mum will ihn unbedingt nochmal fahren; beim Seiberer.“ Das meint: „Internationaler Seiberer Bergpreis für historische Fahrzeuge“. Der Seiber ist ein Höhenzug in der Wachau, aber auch der Name eines Dorfes, das sich dort befindet. Das Rennen hat Geschichte.

Der Proletarier unter den Heizgeräten jener Ära: Ford Escort Mk I Twincam, eine britische Bulldogge – (Foto: Martin Krusche)
Der Proletarier unter den Heizgeräten jener Ära: Ford Escort Mk I Twincam, eine britische Bulldogge – (Foto: Martin Krusche)
Aufgebrezelter C-Kadett: Ein konkurrenzfähige Fahrzeug für Klassiker-Bergrallies geht ordentlich ins Geld – (Foto: Martin Krusche)
Aufgebrezelter C-Kadett: Ein konkurrenzfähige Fahrzeug für Klassiker-Bergrallies geht ordentlich ins Geld – (Foto: Martin Krusche)
So kann es kommen: Ein renntaugliches Pucherl, das überdies Seiberer-Geschichte hat, im Besitz von Thomas Ludwig. – (Foto: Martin Krusche)
So kann es kommen: Ein renntaugliches Pucherl, das überdies Seiberer-Geschichte hat, im Besitz von Thomas Ludwig. – (Foto: Martin Krusche)

Dazu heißt es bei den Betreibern: „Am 9. Juni 1924 veranstaltete die Kraftfahrer-Vereinigung NÖ-Land erstmals ein Bergrennen am Seiberer im Herzen der Wachau. Diesen nannte man damals wegen seiner landschaftlich reizvollen Umgebung den ‚Semmering der Wachau’“. (Quelle)

Das ist, nebenbei bemerkt, ein Hinweis auf den Rang des Semmerings, der schon in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts eine Rennstrecke von internationaler Bedeutung war. Wir stehen allerdings inzwischen an der Schwelle zu einer neuen Ära der individuellen Mobilität.

Dabei ist es unwahrscheinlich, daß wir in einigen Jahrzehnten noch sehen werden, daß sich eben diese persönliche Mobilität auf den massenhaften Individualbesitz von Kraftfahrzeugen mit herkömmlichen Verbrennungsmotoren stützt.

In dem Punkt ist mit völlig neuen Konzepten und großen Umbrüchen zu rechnen. Das mögen sich heute viele Menschen gar nicht vorstellen, aber es bahnt sich so verläßlich an, wie seinerzeit die Massenmotorisierung noch nicht einmal geträumt wurde, jedoch gekommen ist. Daher ist genau diese Geschichte von der rennfahrenden Monika Krakhofer ein historisches Motiv, das beispielhaft für eine Ära steht.

Heuer, 60 Jahre nachdem das Pucherl erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde (zum Jubiläum), ahnen wir nicht einmal mehr, wie ungewöhnlich es seinerzeit war, daß eine Frau auf eigenem Fahrzeug im Motorsport reüssierte. Und zwar ohne die Tochter eines Millionärs zu sein, wie etwa die fulminante Clärenore Stinnes, der die allererste Fernreise unserer Geschichte mit einem Automobil gelang.