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Glaube als Angelpunkt#

(Ein Kapellenfest in Nitscha)#

von Martin Krusche

Wir beachten im Projekt „Mensch und Maschine“ aus naheliegenden Gründen vor allem einmal Aspekte einer Volkskultur in der technischen Welt. Dabei nützt uns aber ein Blick auf das, was allgemein unter Volkskultur verstanden werden dürfte; vor allem in den praktisch gelebten Formen. Brauchtum kommt nicht vom Event-Management, sondern aus dem Leben der Leute. Ein Fest bei der Lanzl-Kapelle in Nitscha macht anschaulich, daß menschliche Gemeinschaft Rituale, Symbole und besondere Anlässe braucht, um Halt zu schaffen.

Die Lanzl-Kapelle in Nitscha wird privat von einigen Familien erhalten. - (Foto: Martin Krusche)
Die Lanzl-Kapelle in Nitscha wird privat von einigen Familien erhalten. - (Foto: Martin Krusche)

Ich hab gut fünf Generationen an Gästen gesehen, als im Gleisdorfer Stadtteil Nitscha ein Kapellenfest begangen wurde. Der merklich gut gelaunte Pfarrer Gerhard Hörting zelebrierte eine Messe, nachdem von verschiedenen Seiten erzählt worden war, wie es zu dieser Kapelle gekommen ist.

Da wurde gesungen, musiziert und gebetet. Am Fuße des Hügels standen gut beschirmte Wirtshaustische. All das bei prächtigem Wetter, als wollte jemand einen perfekten Augenblick hinbekommen.

Ich fand dieses Ereignis sehr aufschlußreich, wo man verstehen will, wie sich tradierte kulturelle Formen von dem unterscheiden, was uns die Unterhaltungsindustrie als „Volkskultur“ andient. Hier mischt sich offenbar das eigene Interesse konkreter Personen eines bestimmten Raumes mit den Verpflichtungen, die man einer Gemeinschaft gegenüber eingegangen ist. Es ist der konkrete Ort, von dem das ganze Fest auf bestimmte Art gefärbt wird.

Sechs Familien aus dem Dorf hatten es übernommen, diese Kapelle zu erhalten und den Platz als Treffpunkt zu pflegen. All das geht auf einen Kaplan zurück, der hier im 18. Jahrhundert einen Weingarten angelegt und ein Haus erbaut hatte. Zusätzlich beschaffte er sich die Erlaubnis zum Bau der Kapelle und eine Meßlizenz.

Ein bemerkenswertes Unternehmen, wenn man bedenkt, wie bescheiden die meisten Selbstversorger-Wirtschaften der notorisch armen Gegend damals waren. Heute erhält also private Initiative diesen geweihten Ort auf hohem Niveau. Zu den Menschen aus der Umgebung gesellten sich für das Fest Formationen der Feuerwehr, des Kameradschaftsbundes mit seinen ernst blickenden Exponenten, sowie eine gut gelaunte Abordnung der Gleisdorfer Stadtkapelle.

Mitglieder des Pfarrgemeinderates und des Vereinswesens von Nitscha machten zusätzlich klar, daß auf soziale Kontakte geachtet wird. Die Anwesenheit der Bezirksbäuerin betonte die agrarischen Wurzeln dieser Geselligkeit. Während Säuglinge und sehr betagte Menschen nur mit Hilfe den steilen Hügel hinaufgelangen konnten, war dazwischen ein Gehen, Schreiten und Laufen aller Altersstufen.

Das soll betont sein, damit deutlich wird, was so ein Fest den Menschen bedeuten dürfte. An der Kleidung der Gäste ließ sich das ganze soziale und kulturelle Spektrum der Umgebung ablesen. Allerhand Aufgeregtheit in salopper Garderobe und formellen Ausstattungen illustrierten die verschiedenen Zugänge. Sonntagsgewand, Uniform, Freizeitmode, dazwischen unbeschwerte Teenager mit ihren eigenen Konzepten.

Das macht deutlich, wie an stillen, etwas entlegenen Orten gemeinsam ein Lauschen in die Vergangenheit stattfindet, um Perspektiven der Zukunft zu erahnen. Diese Zusammenkunft bezieht Anlässe und Formen aus dem Brauchtum, wird dadurch selbst dazu, ist auf jeden Fall Ausdruck von Traditionsbewußtsein, erlaubt aber mittendrin auch alle zeitgemäßen Spielarten gesellschaftlicher Realität.

Dresscode: Bei diesem Anlaß dominiert die Tracht, aber T-Shirts haben genauso Platz. – (Foto: Martin Krusche)
Dresscode: Bei diesem Anlaß dominiert die Tracht, aber T-Shirts haben genauso Platz. – (Foto: Martin Krusche)
Tradition heißt auch ständige Veränderung: Ministrantinnen sind längst üblich. – (Foto: Martin Krusche)
Tradition heißt auch ständige Veränderung: Ministrantinnen sind längst üblich. – (Foto: Martin Krusche)
Standard: Liedgut ist ebenfalls ein bewährter Anlaß für Gemeinschaftspraxis. – (Foto: Martin Krusche)
Standard: Liedgut ist ebenfalls ein bewährter Anlaß für Gemeinschaftspraxis. – (Foto: Martin Krusche)
Die Abordnung der Blaskapelle repräsentiert eine der bedeutendstens Kulturinitiativen der Kleinregion. – (Foto: Martin Krusche)
Die Abordnung der Blaskapelle repräsentiert eine der bedeutendstens Kulturinitiativen der Kleinregion. – (Foto: Martin Krusche)

Das zeigt sich gleichermaßen über Trachtenblusen, Joppen und T-Shirts. Es verbindet sich kurz über festliche Worte und gemeinsames Liedgut. Nitscha ist heute ein Teil der Stadt Gleisdorf, war eben noch eine eigene Gemeinde, die ihrerseits vor Jahrzehnten aus mehreren Katastralgemeinden formiert wurde. So weiß man, wer man ist, kann dennoch jemand anderer werden, wobei die christlichen Zeichen für eine Kontinuität stehen, um die herum der Wandel das stets Gegenwärtige ist.

In einer Zeit, da längst Wirtschaft und Werbeindustrie die bedeutendsten Quellen der Identitätsstiftung einer Gesellschaft sind, wo uns Werbeagenturen die Politik und allerhand Konsumartikel mit den gleichen Methoden schmackhaft zu machen versuchen, wirkt hier das Traditionelle eigenartig avantgardistisch, wenn auch nicht immer gleich klar ist, in welche Richtung.

Aber das mag man auf jeden Fall begreifen: Wir erleben gerade derart fundamentale Umbrüche, daß demnächst vermutlich jeder Fixpunkt hilfreich ist, um gesellschaftlichen Halt zustandezubringen. Die Kapellengemeinschaft Nitscha-Wolfgruben hat eben eine Variante, wie das gehen kann, gezeigt.