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Volkskultur zur allgemeinen Verfügung#

(Zur Debatte gestellt)#

von Martin Krusche

Eben hat ein regionales Projekt zu Fragen der Volkskultur geendet, dessen Arbeitsergebnisse nun in die weitere Entwicklung des Projektes „Mensch und Maschine“ einfließen. Es war ein LEADER Kulturprojektes, also ein von der EU mitfinanziertes Vorhaben in Ludersdorf-Wilfersdorf, mit den Titel „Volkskultur 4.0: Eine Positionsbestimmung“. Zum Ausgangspunkt stellte sich die Frage, womit wir es eigentlich zu tun haben, wenn dieser Begriff genannt wird, und was sich dazu in einer kleinen Gemeinde auf dem Lande tun mag.

Die Trachtenpuppe Luis soll uns also was genau vermitteln? - (Photo: Martin Krusche)
Die Trachtenpuppe Luis soll uns also was genau vermitteln? - (Photo: Martin Krusche)

Sieht man sich nach Ereignissen einer Volkskultur um, die nicht von Unterhaltungsindustrie oder Tourismus instrumentalisiert wurde, so zeigt sich bemerkenswert, daß es vor allem religiöse Anlässe und Feste quer durchs Jahr sind, die einem dazu lebendige Eindrücke bieten.

Das berührt überdies einen anderen Bereich der Volksfrömmigkeit, der uns mit einem imposanten System volkskultureller Artefakte umgibt.

An diesem Komplex fällt allerdings auf, daß er heute kaum auffällt. Ich meine ein dichtes Netz von Wegkreuzen, Bildstöcken, Kapellen und verwandten Kleindenkmälern, die teils von religiösen Inhalten handeln, die aber auch lokalgeschichtliche Aspekte transportieren.

Wir sind wir und wir sind selbstverständlich original! - (Photo: Martin Krusche)
Wir sind wir und wir sind selbstverständlich original! - (Photo: Martin Krusche)

Dieses dichte Netzwerk der Zeichen in unserer Kulturlandschaft wird einem meist erst bewußt, wenn man sich in einer oftmals erdrückenden Flut von Verkehrszeichen, Wegweisern, Werbetafeln und Plakatwänden um Trennschärfe im Blick bemüht. Sobald man sein Schauen für dieses komplexe kulturelle Zeichensystem sensibilisiert hat, staunt man über seine weitreichende Präsenz, die vor allem auch an etlichen Stellen von einem bemerkenswerten privaten Engagement handelt. Da findet man so manche Hauskapelle, deren Erhalt den Menschen einiges abverlangt.

Zurück zum Allgemeineren. Wer sich bezüglich Volkskultur etwas flüchtig umsieht, kann der Wirtschaft gar nicht entkommen, wird kaum übersehen, womit sich die Unterhaltungsindustrie breit macht. Dabei erscheint „Volkskultur“ eher als eine Art „Duftmarke“ eingesetzt, quasi als Verkaufsargument, ohne dabei fundierte kulturelle Zusammenhänge zu berücksichtigen. Das erstreckt sich inzwischen auch mehr denn je auf das Feld „Kulinarik“ und generiert in der Politik offenbar einigen Nutzen. Das „Identitätsgeschäft“ bezieht Unique Selling Propositions aus kulturellen Zusammenhängen, das „Wir“ kontra „Ihr“ wird symbolisch abgehandelt.

Es scheint, daß hier ganz verschiedene Sphären des Lebens mit den gleichen Begriffen ausgestattet sind, daß man stellenweise auch vorsätzlich in die Irre geführt wird. Solche Fälle von intendiertem Etikettenschwindel sind im übrigen Kulturbetrieb ebenso zu finden. Solche Methoden korrespondieren mit der Tatsache, daß es billiger kommt, eine alte Marke aufzufrischen als eine neue einzuführen. Heimat, Volk und volkskulturelle Phänomene sind auf solche Art bewirtschaftbar.

Wegkreuze entdecken Sie bei etwas Aufmerksamkeit in der Region geradezu flächendeckend. – (Foto: Martin Krusche)
Wegkreuze entdecken Sie bei etwas Aufmerksamkeit in der Region geradezu flächendeckend. – (Foto: Martin Krusche)
Unter den Bildstöcken kommen solche Breitpfeiler, in denen eine Figur ruht, freilich nicht so häufig vor. – (Foto: Martin Krusche)
Unter den Bildstöcken kommen solche Breitpfeiler, in denen eine Figur ruht, freilich nicht so häufig vor. – (Foto: Martin Krusche)
Die Freiplastiken waren wohlhabenderen Stiftern vorbehalten; wie hier vor Schloß Freiberg. – (Foto: Martin Krusche)
Die Freiplastiken waren wohlhabenderen Stiftern vorbehalten; wie hier vor Schloß Freiberg. – (Foto: Martin Krusche)

Die Tracht, besser: Trachtenmode, boomt schon geraume Zeit in allerhand Geschäftslokalen. so auch auf Inseratenflächen. Man kann fast beliebig in den Regionalblättern nachschlagen. Dieser Tage zum Beispiel, am 30. Juni 2017, in der Gleisdorf-Ausgabe der Woche. Auf der Doppelseite 12/13 bietet ein Diskonter unter anderem ein zweiteiliges „Dirndl-Set“ für 39,99 Euro an, ferner das dreiteilige „Trachten Set Steiermark“, bestehend aus Lederhose, Lederträger und Hemd, für zusammen 99,00 Euro.

Trachten aller Qualitätsstufen dienen aktuell als Wegweiser und Markierungen, um offenbar auszudrücken: Hier sind wir WIR! - (Photo: Martin Krusche)
Trachten aller Qualitätsstufen dienen aktuell als Wegweiser und Markierungen, um offenbar auszudrücken: Hier sind wir WIR! - (Photo: Martin Krusche)

Schon die Preise besagen zwingend, daß es hier um keine Trachten von Relevanz gehen kann, sondern um stilisierte Fähnchen. Das Tragen von Tracht, traditionelle und billige Ware gleichermaßen, ist freilich mit einer ganzen Reihe von privaten und öffentlichen Anlässen in der Region fix verbunden, wodurch sich eine gewisse Kontinuität zeigt, die sich in kulturelle Erörterungen einbeziehen läßt.

Bei der Musik kann man zwar herausfinden, was an kleinen Ensembles, Singkreisen und manchen Chören in der Region präsent ist, aber eben diese Formationen treten in den Kulturprogrammen und im Feuilleton kaum in Erscheinung. Damit will ich sagen, man braucht schon ein paar Kontakte und muß ausdrücklich danach suchen, um derlei traditionell orientierte Musikformen live zu erleben.

All das wird praktisch täglich von dem übertönt, was etwas euphemistisch „volkstümliche Musik“ heißt. Das ist in der Regel ein Produkt der Unterhaltungsindustrie, mit authentischer Volksmusik Österreichs nicht vergleichbar. Solche Industrieprodukte werden nach ganz anderen Mustern gestrickt, zeigen uns ein Spektrum, das sich zwischen exzellenten Entertainern und fast schon unbedarften Hobbymusikern auftut. Es dominieren auf dem Feld musikalisch Varianten, wie sie als Massenware vermarktet werden, meist mit ähnlichen visuellen Codes inszeniert, wie sie etwa Trachten-Diskonter bevorzugen.

Auf der einen Seite dieses Spektrums hochkarätige Unterhaltungs-Athleten wie Andreas Gabalier, der sein Geschäft hervorragend beherrscht, aber mit ursprünglicher Volksmusik überhaupt nichts zu tun hat. Auf der anderen Seite möglichst preiswerte Unterhaltungs-Profis für Anlässe, bei denen es nicht zu teuer werden darf, wonach es dann auch klingt.

Wäre allerdings noch unbedingt die Blasmusik zu erwähnen, denn da findet man bemerkenswerte Beispiele von lebendigen Kulturinitiativen. Dabei ist die Stadtkapelle Gleisdorf unter Kapellmeister Sigi Teller sicher das beste Beispiel. Erstens, weil man bei voller Besetzung in ihren Reihen ein umfassendes soziales Spektrum findet, vom Lehrbuben über die Apothekerin bis zur Bürgermeistersgattin, einige Musikschullehrer eingeschlossen.

Zweitens weil diese Kapelle insgesamt ein auffallend hohes Niveau hält und aus ihr kleine Formationen ableitbar sind, die ganz verschiedenen Musik-Genres beherrschen, ob Tango, Jazz oder Pop, dann aber auch zum Beispiel wieder das ganze Ensemble mit Schostakowitsch. Drittens ist diese Kapelle mit dem schon erwähnten Jahreslauf im Brauchtum verbunden, ob religiöse Feste, ob 1. Mai, ob Kirtag. Da ist also eine gut erkennbare Rückbindung an traditionelle Motive, da sind keine Berührungsängste bezüglich Populärkultur, das reicht aber auch in die kanonisierte Tonkunst.

Die Stadtkapelle Gleisdorf demonstriert einen breiten kulturellen Horizont. – (Foto: Martin Krusche)
Die Stadtkapelle Gleisdorf demonstriert einen breiten kulturellen Horizont. – (Foto: Martin Krusche)
Das „Steirern“ bedeutet also lustig sein und Gaudi haben, ist demnach fast universell. – (Foto: Martin Krusche)
Das „Steirern“ bedeutet also lustig sein und Gaudi haben, ist demnach fast universell. – (Foto: Martin Krusche)
Identitätsmerkmal? Verkleidung? Livestyle-Accessoire? – (Foto: Martin Krusche)
Identitätsmerkmal? Verkleidung? Livestyle-Accessoire? – (Foto: Martin Krusche)

Dieses Ensemble ist somit eine der bemerkenswertesten regionalen Kulturinstanzen, die mir auffiel, zumal sie in ihrer kulturellen Praxis Stoffe aus mehreren Zeiten und ganz verschiedenen Genres pflegt und dabei Menschen völlig verschiedenen Milieus anspricht, sowohl in der Ausübung wie in der Rezeption. Ich kenne hier nichts Vergleichbares.

Kommt „Altes Handwerk“ zur Sprache oder zum Einsatz, ist meist von Arten die Rede, wie wir sie aus der agrarischen Welt kennen. Da dominieren Töpfern, Korbflechterei, Schuhmacherei, Schnitzen und ähnliche Formen, die kaum eine Maschinisierung erlauben. Das sind freilich die Formen, wie sie ein City-Management gerne vermarktet, um den Advent oder andere markante Momente des Jahres zu dekorieren.

Dahinter tun sich in der Lebenspraxis der Menschen all die anderen Metiers auf, vor allem auch jene, die mit einer Volkskultur in der technischen Welt assoziiert werden mögen. Das wird heutzutage teilweise als Hobby gelebt, wo es auf dem Markt keine ausreichende Nachfrage gibt, reicht aber stellenweise auch noch in aktive Betriebe der regionalen Wirtschaft.

Dieser Themenbereich berührt übrigens Schnittstellen zwischen Handwerksarbeit und Industriearbeit. Ein sehr interessantes Gebiet, das unter anderem auch in architektonischen Aspekten dingfest gemacht werden kann, an erhaltenen Baudenkmälern darstellbar ist. Innerhalb unserer Biographien vollzog sich ja der Umbruch von der Zweiten Industriellen Revolution (Automatisierung) zur Dritten, der Digitalen Revolution.

Sangesfreudige Menschen bei einem Kapellenfest. – (Foto: Martin Krusche)
Sangesfreudige Menschen bei einem Kapellenfest. – (Foto: Martin Krusche)
Traditionelles Quartett bei einem Jubiläum. – (Foto: Martin Krusche)
Traditionelles Quartett bei einem Jubiläum. – (Foto: Martin Krusche)
Steirer-Simulation aus der Unterhaltungsindustrie. – (Foto: Martin Krusche)
Steirer-Simulation aus der Unterhaltungsindustrie. – (Foto: Martin Krusche)

Bei der Literaturrecherche wird man zu diesen Umbrüchen und ihren Ausdrucksformen reichlich fündig. Sieht man sich in unserem Lebensraum um, gibt es dazu viele auffindbare Belege. Im Feuilleton und in den Programmen der diversen Kulturreferate findet die Volkskultur in der technischen Welt dann aber nur ganz selten Niederschlag.

So wie wir im Umbruch vom 19. ins 20. Jahrhundert das Leben in den Hierarchien einer ständischen Gesellschaft schrittweise hinter uns gebracht haben, sind im Verlauf von der ersten zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts grundlegende kulturelle Phänomene quasi „aufgerührt“, neu kombiniert, mit neuen Bedeutungen belegt worden. Das hat sehr wesentlich mit dem Reüssieren einer Unterhaltungsindustrie zu tun, die sich auf Massenmedien und ein Event-Management mit astronomischen Budgets stützt, unsere kulturellen Gewohnheiten radikal verändert, unsere diesbezüglichen Begriffswelten irritiert.

Altes Handwerk bedeutet nicht bloß Töpferei, Schnitzen, Schuhe flicken und Kerzenziehen. Hier die Altmeister Fredi Thaler (links) und Walter Pillich bei Spenglerarbeiten für ein altes Automobil. - (Photo: Martin Krusche)
Altes Handwerk bedeutet nicht bloß Töpferei, Schnitzen, Schuhe flicken und Kerzenziehen. Hier die Altmeister Fredi Thaler (links) und Walter Pillich bei Spenglerarbeiten für ein altes Automobil. - (Photo: Martin Krusche)

Es wäre interessant zu untersuchen, ob diese Unterhaltungsindustrie vergleichbare Funktionen hat, zeitlich und sozial angepaßt, wie etwa die Trunkenheit in jener Branntweinkrise (Gin-Epidemie) im England des 18. Jahrhunderts. Damals hatten die proletarischen Menschen überaus harte Arbeitsbedingungen, wie sie heute bei uns unvorstellbar wären. Sie konnten vom Gin billiger als von Brot satt werden und fanden kaum andere Zerstreuung in ihren elenden Lebensumständen.

Was wir allgemein unter „traditioneller Volkskultur“ verstehen, entstammt einer Ära grundlegend anderer Lebensbedingungen der breiten Bevölkerung, ohne Freizeit im heutigen Sinn. Es gab für diese Menschen auch keine Teilhabe am öffentlichen politischen und kulturellen Leben, wie wir das heute für selbstverständlich halten. Die Infosphäre, von der diese Menschen umgeben waren, ist in keiner Weise mit der heutigen vergleichbar. Was sich unter diesen Bedingungen als kultureller Ausdruck inspirierter Menschen entwickelt hat, stammt also gewissermaßen aus einer völlig anderen Welt.

Wir finden aber heute in solchen überlieferten Ausdrucksformen ästhetische Qualitäten, künstlerische Werte, die uns bemerkenswert erscheinen. Ob dieser Qualitäten werden solche kulturellen Genres ganz offensichtlich auch benutzt, paraphrasiert, bewirtschaftet, um auf anderen Gebieten materielle und immaterielle Profite abzuwerfen. Dennoch möchte ich betonen, daß wir keine „Reinheitsgebote“ für eine gelebte Kultur brauchen, aber mehr Genauigkeit im Benutzen von Begriffen und Zuschreibungen, weil sonst angemessene Kommunikation über diese Angelegenheiten nicht gelingen kann.

Wodurch finden hart arbeitende Menschen Zerstreuung, um ihre Existenz zu ertragen? William Hogarth hat in diesem Stahlstich aus der Zeit um 1860 die „Gin Lane“ dargestellt, einen Moment der „Branntweinkrise“ Englands. - (Graphik: Henryart, Public Domain)
Wodurch finden hart arbeitende Menschen Zerstreuung, um ihre Existenz zu ertragen? William Hogarth hat in diesem Stahlstich aus der Zeit um 1860 die „Gin Lane“ dargestellt, einen Moment der „Branntweinkrise“ Englands. - (Graphik: Henryart, Public Domain)

Der Kontrast erwähnter Umbrüche kommt nicht nur aus dem praktischen Leben, sondern auch aus den laufenden Diskursen, also von der Metaebene her. Dieser harte Kontrast ist selbstverständlich in unserem Kulturbetrieb zu finden und kann da anschaulich gemacht werden. Er verdeutlicht sich zum Beispiel, wenn man die wissenschaftliche Arbeit zweier Exponenten einander gegenüberstellt, zweier Volkskundler, die beide auch Bezüge zur Steiermark haben.

Möchte man verstehen, worin die Kontraste im früherem und heutigem Verständnis von Volkskultur bestehen, kann man sich ein gutes Bild machen, wenn man etwa Viktor von Geramb, Um Österreichs Volkskultur (1946) und Dieter Kramer, Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften (2013) nebeneinander legt.

Ich käme heute nicht auf die Idee, einer Attitüde der „Traditionsschützer“, der „Bewahrer des Wahren“ das Wort zu reden, denn das sind vermutlich etwas trübe Kategorien. Es darf als normal gelten, daß wir derzeit in einem wohlhabenden Teil der Welt ein fast grenzenloses Nebeneinander von Stilen und Konzepten leben, weil eine pluralistische Gesellschaft das gut vertragen kann.

Verdeckte Intentionen: Es ist gar nicht so leicht, im „Steirischen Liederbuch“ etwas auffallend Steirisches zu finden. - (Photo: Martin Krusche)
Verdeckte Intentionen: Es ist gar nicht so leicht, im „Steirischen Liederbuch“ etwas auffallend Steirisches zu finden. - (Photo: Martin Krusche)

Derlei hat uns übrigens der Kunstbetrieb schon vorgemacht, als etwa Marcel Duchamp eben diesen Betrieb erschütterte, weil er gängige Regeln für hinfällig hielt. DADA hat uns das auch gelehrt. Daß nämlich die Verneinung und das Zertrümmern von bestehenden Hierarchien und Regelwerken einer Gesellschaft keineswegs den Teppich unter den Füßen wegzieht, sondern Entwicklungen anregt. Das Nebeneinander von sogar einander widersprechenden Konzepten gehört zu dem, woraus wir dann letztlich wieder eine Art „gesellschaftlicher Normalität“ beziehen.

Aber es dürfte sinnvoll erscheinen, wenn wir zu kritischen Debatten in der Lage sind, um die Verwendung von Begriffen stets neu zu klären, damit wir wissen, worüber wir reden. Es dürfte angebracht sein, in einer engagierten Wissens- und Kulturarbeit klarzustellen, daß die Kultur keine Magd der Wirtschaft ist und daß die Wirtschaft sich nicht beliebig auf dem Feld der Kultur bedienen möge, deren Begriffe und Bilder benutzend, um ihre Geschäfte erblühen zu lassen.