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Vom Reisen ins digitale Morgen#

Das Smartphone gilt als wichtiger Baustein für eine effiziente Mobilität. Die deutsche Autorin Anke Knopp machte den Selbstversuch mit einer Fahrt nach Loipersdorf. Sie fand eine fortschrittliche Bahn - aber auch viel Luft nach oben.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, Mittwoch, 20. Dezember 2017

Von

Anke Knopp


Bahn
Bahn
© ÖBB/Philipp Horak

Graz. Don Bosco Bahnhof. Die Stimme aus dem Lautsprecher warnt: "Vorsicht bei der Einfahrt", der Zug fährt ein. Pünktlich. In diesem Moment wird die digital geplante Reise real. Bis dahin bestand sie lediglich aus ein paar Klicks im Netz: die Website der ÖBB ansteuern, Fahrtziel eingeben, Verbindung suchen, buchen, bezahlen. Das ging alles recht bequem vom Sofa zuhause aus.

Kaum im Zug sitzend, erscheint auch schon der Schaffner: "Fahrscheine bitte." Es raschelt kein Papier mehr, es sind Plastikkarten der Vielfahrer sowie digitale Endgeräte, also Smartphones, die dem Kontrolleur gereicht werden. Tickets auf dem Zettel gibt es in diesem Zug kaum noch. Im Smartphone blinken stattdessen Online-Tickets in schwarz-weißen Mustern.

Dieses Muster ist ein sogenannter Aztec-Code. Namentlich erinnert er an die Pyramidenbauten der Azteken in Mexiko, denen das Design des Codes von oben betrachtet ähnlich sehen soll. Die traditionelle Lochzange ist durch einen Scanner abgelöst worden. Stimmen die virtuellen Angaben im Smartphone mit dem überein, was die ÖBB als Ticket akzeptieren, leuchtet der Scanner rot und der digitale Vorgang gilt als erfolgreich beendet.

Mehr als 244 Millionen Fahrgäste transportieren die ÖBB jährlich quer durchs Land. Es gibt also ein großes Potenzial, Papier für Fahrscheine einzusparen. Manchmal aber hakt es. Nicht alle Nutzer sind umstandslos mit der digitalen Technik vertraut. Dann tauchen sie doch noch auf, die aus dem Netz ausgedruckten Fahrausweise. Aber auch sie sind nur gültig mit entsprechender Kodierung. Im Falle einer Dame um die 50 plus prangt an diesem Tag jedoch nur ein "pdf"-Symbol auf dem Ausdruck. Ein digitales Lesegerät kann damit nichts anfangen, der Fahrschein wäre ungültig und die Inhaberin damit eine Schwarzfahrerin. Trotz gelöster Fahrtkarte.

Wenn der Schaffner zum Lehrer wird#

Die Dame durchsucht das Smartphone, die Verbindung zum Netz ist allerdings nicht die beste. Dann aber ist das Gesuchte, das Online-Ticket, gefunden, aber auch das ist zu wenig. "Sie müssen das Ticket noch downloaden, damit ich den Code einlesen kann", erklärt der Kontrolleur, ruhig und freundlich. "Wie geht das?" Der Schaffner hat auch darauf eine Antwort, er hilft der Passagierin, sich ins WLAN der ÖBB einzuloggen, er behält die Fortschritte der Dame im Blick - klicken müsse sie aber selbst. "Dann lernen Sie, wie das geht!"

Der Zugbegleiter kennt sich aus mit den verschiedenen Modellen an Smartphones und den digitalen Wissenslücken seiner Reisenden. Es ist nicht das erste Mal, dass er so konkret helfen muss. "Dort drücken Sie drauf, dahinter verbirgt sich das Ticket." Einen Augenblick später entfaltet sich das schwarz-weiße Muster auf dem Display. Der Scanner kommt zu seinem Recht, der Fahrschein ist hiermit gültig.

Wichtig ist: Hier wurde nicht nur die Fahrkarte kontrolliert, sondern auch ganz nebenbei digitale Lebenspraxis vermittelt und die digitale Spaltung in der Gesellschaft zumindest ein Stück weit behoben. Es geht um Kompetenzvermittlung für Menschen, die ihren Alltag zunehmend digitaler organisieren müssen, aber oft nicht wissen, wie das gelingt. Gebraucht wird ein Mehr an Praxis. Ein Kulturwandel hat eingesetzt, der nicht nur die Mobilität verändert. Immer mehr Unternehmen und vor allem auch Kommunen werden ihr Personal als Helfer für digitale Kundendienste schulen müssen. Gebraucht wird nicht nur die technische Infrastruktur, sondern vor allem menschliche Helferstrukturen, die Orientierung geben in der digitalen Servicewelt. Am besten geht das durch learning by doing. Und von Mensch zu Mensch.

Der Bahnhof ist leer - bis auf den Ticketautomaten#

Schwierig wird es, wenn die digitale Mobilitätskette durch die analoge Realität dazwischenfunkt. Sei es durch fehlendes WLAN oder einfach weil keiner da ist, den man fragen kann. So wie bei der Fortsetzung der Reise von Graz geradeaus aufs Land. Nach einer Stunde steht der Zug gefühlt auf offener Strecke. Angekommen ist er in Jennersdorf. Eine Handvoll Häuser, ein Turm für Futtermittel, ein kleiner Bahnhof. Wer hier aussteigt, sollte sich auskennen. Außerhalb der Schienen wird es für Fremde mit dem Fortkommen bis ans Reiseziel schwierig. Nur zwei Menschen steigen aus. Über die Gleise geht es zum Bahnhofsgebäude. Es ist klein und sehr aufgeräumt. Keine Menschenseele wartet hier, keine Arbeit wird verrichtet, weil nichts mehr zu tun ist außer Ein- und Aussteigen. Ein Ticketautomat hat hier den Arbeitsplatz übernommen, Auskunft geben kann er jedoch nicht.

Laut digitaler Reiseauskunft der ÖBB soll es von hier aus nach Loipersdorf bei Fürstenfeld weitergehen. Mit dem Bus. Allerdings nicht vom Bahnhof aus, sondern von einer anderen Haltestelle im Ort, zu der eine Ortsunkundige nicht ohne Hilfe findet. Acht Minuten Fußweg. Das ist ein Bruch in der Mobilität.

Warum nicht ein "Bus on demand"?#

Nach einem Blick auf den ausgehängten Fahrplan ist aber genau der Anschluss-Bus, der weiterfahren soll, handschriftlich mit Kugelschreiber durchgestrichen. Der nächste von hier führe in zwei Stunden. Ein Blick aufs Smartphone hilft nicht, der Netzempfang ist hier auch nur mäßig. An der Ecke vor dem Rathaus findet sich eine analoge touristische Informationstafel mit Stadtplan. Gleichzeitig biegen zwei Schüler um die Ecke, die naheliegende Frage nach dem Fortkommen wird gestellt, da fährt auf einmal Bus Nr. 486 vorbei. Der war doch auf dem Plan durchgestrichen?

Die junge Schülerin hilft, zückt ihr Smartphone - und ruft ein Taxi. Fünf Minuten später parkt es an der Kirche im Ortskern. Die Weiterfahrt ans Ziel ist gesichert, kostet aber. Zurück bleibt aber Wunsch, diese Lücke in der Mobilität zu schließen. Vielleicht mit einer virtuellen Anzeigetafel am Bahnhof? Vielleicht mit einer Push-Nachricht aufs Smartphone, wo genau es weitergeht und wie man dorthin gelangt? Schön wäre ein Sensor, der dem "Bus on demand" anzeigt, dass da jemand Transportbedarf hat und wo diese Person abgeholt werden möchte. Im Sommer wäre auch Bike-Sharing eine Idee.

So bleibt alles ein bisschen Abenteuer, um mit Koffer beladen von der Stadt in den ländlichen Raum zu reisen. Angesichts der Herausforderung einer alternden Bevölkerung und einer Ausdünnung der Bevölkerungsdichte im ländlichen Raum braucht es Strategien, Kommunen und Anbieter, die Mobilität neu und digital zu organisieren.

Hilfreich wären dabei Testpersonen, die die digitalen Möglichkeiten von morgen ausloten: die normalen Nutzer sowie digitale Scouts. In Kombination könnten sie Mobilitätsketten gänzlich digital denken und das Ankommen erleichtern, im Realen wie in der digitalen Welt.

Anke Knopp ist Politikwissenschafterin, Autorin und Bloggerin zur digitalen Transformation in Gesellschaft und Politik. Sie berät Kommunen und Regionen auf dem Weg in die digitale Zukunft.

Wiener Zeitung, Mittwoch, 20. Dezember 2017