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Gen-Schere beflügelt Ängste und Hoffnungen#

Die EU debattiert die Nutzung von Crispr/Cas 9 in der Landwirtschaft - die medizinische Nutzung wirft ethische Fragen auf.#


Mit freundlicher Genehmigung der Wiener Zeitung, 26. Mai 2018


DNA
Ein Schnipp und der Schaden ist weg: Die Gen-Schere Crispr/Cas 9 ist ein effizientes Werkzeug.
Foto: pixabay.com

Washington. (est) Eckige Äpfel, sternförmige Reiskörner, Soja ohne Transfette, plastikfressende Bakterien, frostresistente Bananenbäume und nicht zuletzt Menschen, die keine Erbkrankheiten haben, aber ein Aussehen nach Wunsch: Die Gen-Schere Chrispr/Cas beflügelt die Fantasie. Das macht auch Angst. In den USA landen bereits erste Ergebnisse dieser Technik in den Einkaufskörben, obwohl vielen Menschen noch gar nicht klar ist, was die Gen-Schere alles kann, wo sie sinnvollerweise zu Anwendung kommen könnte und wo sie ethisch problematisch ist.

Crispr/Cas oder kurz Crispr ist ein Werkzeug, das das Potenzial hat, die Welt, das Leben an sich und uns Menschen zu revolutionieren. Mit der als "Krisper" ausgesprochenen Allzweck-Gen-Schere lässt sich die Erbsubstanz wie ein Text umschreiben, oder im Fachbegriff: edieren. Man spricht deshalb von Gen-Editing. Seit 2012 steigt Crispr zum Superstar der Biotechnologie auf. Das Werkzeug kann bei fast allen Organismen zum Einsatz kommen. Es arbeitet präziser als klassische Methoden der Gentechnik. So einfach, schnell und preiswert wie noch nie findet die Schere jede angepeilte Stelle im Genom. Dort zerschneidet sie eine schädliche Erbanlage und entfernt oder verändert sie. Im Anschluss repariert sie das Gen.

Eingriff in die Evolution#

Obwohl das Verfahren jung ist, entfacht es bei Forschern und Konzernen Euphorie. Weltweit stecken sie Grips und Geld in die Methode. Crispr könnte helfen, schwere Erbkrankheiten und Krebs zu heilen, witterungsresistentes Getreide zu entwickeln oder den Weltmüll zu beseitigen. Versuche in China, Großbritannien oder den USA, menschliche Embryonen mit Crispr so zu verändern, dass schädliche Erbkrankheiten aus der Keimbahn verschwinden, schüren allerdings tiefe Ängste: Wird es manipulierte Babys geben? Menschen mit veränderten Eigenschaften? Wo setzen wir die Grenzen?

Hertz Nazaire (45), Künstler haitisch-amerikanischer Herkunft, lebt in Bridgeport im US-Staat Connecticut und malt große Bilder. Einige zeigen verzerrte, weinende Gesichter, DNA-Stränge und sichelförmige rote Plättchen. Nazaire hat Sichelzellenanämie, eine Erberkrankung, die seine roten Blutkörperchen deformiert und verklumpen lässt. "Ich habe fast ständig Schmerzen", erzählt er im Gespräch mit der Deutschen Presse Agentur. Rund 300 Mal war er bisher im Krankenhaus, aber es gibt keine Heilung. Nun schöpft Nazaire Hoffnung: Die Krankheit, an der Millionen Menschen leiden, wird von einer einzigen Genmutation ausgelöst. 2016 gelang es Forschern der University of California im Labor, die betroffene Stelle im Genom mit Hilfe von Crispr anzusteuern. Dort konnten sie die Mutation beheben.

Bald sollen klinische Studien starten, um Sichelzellenanämie schon im Ansatz zu reparieren. Forscher der Firma Crispr-Therapeutics in Cambridge im US-Staat Massachusetts wollen Stammzellen aus dem Blut der Patienten isolieren. Mit Hilfe von Crispr wollen sie in dem Blut einen Genschalter so umlegen, dass es fetale rote Blutkörperchen erzeugt, die Sauerstoff besonders gut binden. Per Infusion gelangen sie dann in den Körper des Patienten zurück, wo sie die schädliche Wirkung der kaputten Sichelzellen bekämpfen. Auch für andere Erkrankungen sind neue Therapien durch Crispr in absehbare Nähe gerückt - etwa vererbte Blindheit, Muskelschwäche bei Kindern oder bestimmte Formen von Blutkrebs. Entscheidend ist, dass die Therapie außerhalb des Körpers stattfindet.

"Die somatische Gentherapie ist eine lokale Veränderung, die nicht an die nächste Generation weitergegeben wird. Aus ethischer Sicht ist sie zu 100 Prozent zu befürworten", sagt der Wiener Fachhumangenetiker Markus Hengstschläger, Mitglied der Österreichischen Bioethik-Kommission, zur "Wiener Zeitung". "Anders verhält es sich mit Veränderungen in der Keimbahn, die in vielen Ländern, auch in Österreich, verboten sind. Davon sollten wir stets die Finger lassen, denn das wäre der Eingriff des Menschen in die Evolution."

"Mit Crispr/Cas9 in menschliche Keimbahnen einzugreifen ist problematisch. Aber einige neuere Publikationen zeigen, wie weit Wissenschafter bereits gekommen sind", sagt Emanuelle Charpentier, die die Methode miterfunden hat, in einem Interview mit der Austria Presse Agentur. "Wir brauchen eine verstärkte Debatte und internationale Regularien zu den potenziellen Risiken. Wir müssen sicherstellen, dass jede ethisch fragwürdige Nutzung dieser Technik verboten wird."

Schnellere Züchtung#

Intensiv debattiert in diesen Tagen die EU-Kommission die Nutzung der Gen-Schere in der Landwirtschaft. Crispr/Cas9 gilt als vielversprechend, weil sich Pflanzen damit schneller und gezielter züchten lassen als mit bisherigen Methoden. Doch während in den USA Gemüse und Getreide, das mit der Gen-Schere optimiert wurde, nicht gekennzeichnet werden muss, da die Pflanzen kein artfremdes Gen-Material enthalten, ist in Europa strittig, wie sie zu definieren sind.

Unter die Gesetzgebung zur Regulierung von "Gentechnisch Veränderten Organismen" (GVO) fallen all jene Gewächse, denen die Gene anderer Pflanzen gezielt eingeschleust wurden. Züchtungen, die durch zufällige Mutationen zustande kommen, gelten nicht als gentechnisch veränderte Organismen. Crispr/Cas9 ist keines davon: Es wird etwas verändert, aber nichts eingeschleust, gleichzeitig passiert es nicht zufällig, sondern spezifisch.

Wie kniffelig das Problem ist, zeigt die Haltung des Chefs des Deutschen Ethikrates, Peter Dabrock. Er sprach sich diese Woche dafür aus, eine internationale Institution mit der Prüfung des Einsatzes von Crispr/Cas9 zu befassen. Dabrock warnte vor einem unkontrollierten Einsatz des neuen Werkzeugs. "Das ist ein Menschheitsthema, das man nicht alleine den Wissenschaftern überlassen darf", mahnte er. Es sollte "ein internationales Beobachtungsverfahren, eine Institution, geben, die diesen Prozess begleitet, etwas wie die Atomenergiebehörde in Wien", sagte er.

Wiener Zeitung, 26. Mai 2018