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Der Hai, der aus der Kälte kam#

Grönlandhaie haben von allen Wirbeltieren die höchste Lebenserwartung - und sind die großen Unbekannten ihrer Spezies.#


Von der Wiener Zeitung (Mittwoch, 13. September 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Bild 'Grönlandhai'

Ásgeir Ásgeirson stoppt die Motorwinde, mit der er das Netz an Bord der "Ellidi" zog, und betrachtet seinen Fang. Ein Hai ist darunter. Ásgeir Ásgeirson schaut den Hai an, der Hai schaut Ásgeir Ásgeirson an. Dann öffnet der Hai sein Maul und sagt: "Wenn du mich zurück ins Meer wirfst, erzähle ich Dir, wie ich 1778 das Wettschwimmen mit der ,Resolution‘ von Käpt’n Cook gewonnen habe. Aber da war ich 239 Jahre jünger. Jetzt, mit 402, käme ich da schon etwas außer Atem."

Seemannsgarn? - Aber nur, weil Haie sich nicht mit Menschen unterhalten. Der Rest könnte stimmen. Obwohl... Nun, Ásgeir Ásgeirsons Grönlandhai könnte ein Aufschneider gewesen sein. Denn James Cooks Schiffe waren zweifellos nicht sonderlich schnell, aber der Grönlandhai schwimmt mit gerade einmal etwas mehr als einem Stundenkilometer. Seine Altersangabe indessen darf man ihm glauben.

Der Tieftauch-Spezialist#

Der Grönlandhai, auch Eishai genannt, ist eines der langlebigsten Tiere der Welt, auf jeden Fall das langlebigste Wirbeltier. Denn übertroffen wird er nur von der Islandmuschel mit einer Lebensdauer von mehr als 500 Jahren und dem Antarktischen Riesenschwamm mit einer Lebensdauer von möglicherweise an die 10.000 Jahre. Der Grönlandhai kommt laut Forschern immerhin auf 392 plus/minus 120 Jahre. Sein Verbreitungsgebiet sind die arktischen Gewässer des Atlantiks, und er kommt in Tiefen bis zu 2200 Meter vor. Der Grönlandhai wird bis zu 6,4 Meter lang und bis zu 1000 Kilogramm schwer. Geschlechtsreif wird er im Alter von etwa 150 Jahren, und er gehört zu den lebendgebärenden Haien.

Damit ist man mit dem Wissen über ihn fast schon am Ende. Was der Grund dafür ist, dass sich die Forschung derzeit verstärkt um diesen Hai kümmert.

Gerade die Haie haben manch seltsames Exemplar hervorgebracht, etwa den Hammerhai mit seinem tragflächenartig verbreiterten Kopf oder dem Koboldhai mit seinem paddelförmigen Kopffortsatz, der aussieht, als sei die Fantasie mit einem mittelalterlichen Zeichner bei der Darstellung eines Dämons durchgegangen. Erst im März dieses Jahres entdeckten Forscher im Belize Barrier Reef eine neue Hammerhai-Spezies, die wie ein lebendig gewordenes U-Boot einer Jules-Verne-Verfilmung anmutet. Der Sofa-Hai wiederum hat weder die haitypische Rücken- noch die haitypische Schwanzflosse und sieht aus wie ein schwabbeliges Kissen mit Glupschaugen und Knuddelnase.

Der Grönlandhai ist wenigstens von seinem Körperbau her ein typischer Hai, wenngleich mit verkleinerter Rückenflosse. Allerdings ist er der große Unbekannte unter seinen Artgenossen. Erst 1995 nahm eine Kamera einen lebenden Grönlandhai auf - und da war es ein Zufall. Erst 2013 gelangen wissenschaftlich verwertbare Filmaufnahmen, die den Hai in seiner natürlichen Umgebung zeigen.

Der Name, den ihm die Biologen gegeben haben, ist wenig schmeichelhaft: Somniosus microcephalus. Das heißt in etwa "schlaftrunkener Kleinkopf". Eine Schönheit ist der Grönlandhai fürwahr nicht. Er besitzt weder die Eleganz des Katzenhais noch die Majestät des Weißen Hais noch die schwerelose Monumentalität des Walhais.

Doch es ist gerade dieser Grönlandhai, der die Forschung wieder einmal mit der Nase darauf stößt, wie wenig über die Meeresflora und -fauna bekannt ist.

Die große Frage, die sich bei jedem Hai stellt, ist natürlich auch im Fall des Grönlandhais: Frisst er Menschen? Wobei die Frage prinzipiell falsch ist. Menschen gehören nun einmal nicht zur bevorzugten Beute des Hais: Gemessen an Stechmücken (durchschnittlich 725.000 Todesopfer pro Jahr) und Schlangen (100.000 Todesopfer pro Jahr) ein harmloses Tier, jedenfalls weit harmloser als der Hund, beste Freund des Menschen, der es immerhin auf 25.000 Todesopfer pro Jahr bringt. Obendrein baden Menschen kaum je in der Arktis bei Wassertemperaturen von -1 bis 10 Grad Celsius - das ist jene Temperatur, bei der sich der Grönlandhai am wohlsten fühlt.

Gefährdung unbekannt#

Ob der Grönlandhai nun dem Menschen gefährlich werden kann, ist umstritten: 1859 soll zwar vor Pond Inlet an der Nordküste der Baffin-Insel ein Eishai gefangen worden sein, der ein halb verdautes menschliches Bein im Magen hatte. Doch das ist bis heute der einzige Fall geblieben.

Da der Grönlandhai sehr langsam schwimmt, nahm man lange Zeit an, er könnte ein reiner Aasfresser sein. Doch in jüngerer Zeit geht die Forschung aufgrund der Mageninhalte gefangener Exemplare davon aus, dass er auch aktiv jagen kann. Ins Beuteschema gehören vor allem Robben. Wahrscheinlich greift der Hai die Tiere an, wenn sie schlafen oder geschwächt sind. Ihm selbst hingegen dürfte nur der Pottwal gefährlich werden.

Und eventuell der größte Räuber von allen, der Mensch. Das sehr beschränkte Wissen über den Grönlandhai ist da für diesen denkbar nachteilig. Es ist nämlich schlicht unbekannt, ob er eine gefährdete Spezies ist. Früher wurde er von Island aus gezielt befischt. Heute ist er willkommener Beifang. Sein Fleisch kommt in Island nach wie vor als Nationalgericht auf den Tisch, allerdings nicht in frischem Zustand, da wäre es aufgrund der Anreicherung des Blutes mit Harnstoffen und Ammoniak giftig. Erst durch eine natürliche Fermentierung zersetzen sich die Giftstoffe. Für Hákarl wird das Fleisch im Sommer bis zu sechs Wochen, im Winter zwei bis drei Monate in einer Grube mit grobem Kies vergraben und mit Steinen beschwert. Danach wird es zwei bis vier Monate in eine Trockenhütte gehängt, damit der Ammoniak entweicht. Gewürze werden keine zugesetzt.

Hákarl ist für Island übrigens ein Exportschlager, Massenabnehmer ist indessen nur eine Nation: Japan. Dorthin geht freilich gleich der größte Teil der Hákarl-Produktion. Was vom Grönlandhai sonst noch übrig bleibt, findet, auch hier erst nach den entsprechenden Trocknungsprozessen, als Hundefutter Verwendung.

Ob Ásgeir Ásgeirsons Hai dieses Schicksal widerfahren ist oder ob Ásgeir Ásgeirson immer noch den Erzählungen des Hais lauscht? - Die könnten sich drehen um den Westfälischen Frieden, die Zweite Türkenbelagerung Wiens, um die Französische Revolution und Napoleon, um Schiller, Goethe, Beethoven und Schubert. Und am Ende auch um Günter Grass, der auf den Butt als Weltgedächtnis gekommen ist. Um wie viel glaubwürdiger wäre das geworden mit einem Grönlandhai als Zeitzeugen!

Wiener Zeitung, Mittwoch, 13. September 2017