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Süchtig nach moderner Technologie#

Nomophobie, die Angst, kein Smartphone dabei zu haben, belastet immer mehr Menschen. Eine Sucht ist sie nicht.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung, 30. September 2019

Von

Irina Dietrich


Haben Sie Schweißausbrüche, wenn das Handy verschwunden ist? Keine Sorge, Sie sind nicht alleine
Haben Sie Schweißausbrüche, wenn das Handy verschwunden ist? Keine Sorge, Sie sind nicht alleine.
Foto: https://unsplash.com/Kutsaev

Dieser unsägliche Schreck, der einem durch sämtliche Glieder zuckt, wenn man die bevorzugte Lagerungs-Jacken- oder Hosentasche für das geliebte Mobiltelefon befühlt, die Fingerspitzen aber ins Leere tasten. Der Puls steigt, die Handflächen schwitzen, wo ist der ständige Begleiter bloß abgeblieben?

Was man da erfährt, ist ein akuter Anfall von Nomophobie - lautmalerisch zusammengesetzt aus No-Mobile-Phone-Phobia, eine vom UK Post Office geprägte Abkürzung der Trennungsangst vom Smartphone. Sie ist laut gängiger Definition eine Begleiterscheinung der gemeinen Handyabhängigkeit, deren schwerste Fälle sich vor allem in der Bevölkerungsschicht der Teenager und jungen Erwachsenen finden und zumal auch mit zwanghaftem Selfie-Verhalten einhergeht. Spaß und Blödeleien beiseite, handelt es sich hierbei um ein ernstes Thema und ein Verhaltensmuster, das den Alltag Betroffener sowie deren psychische und langfristig auch physische Gesundheit nach Expertenmeinung erheblich beeinträchtigen kann. Und da hört sich der Spaß dann definitiv auf.

Sucht wird zumeist mit Substanzmissbrauch in Verbindung gebracht, was allerdings nur eine Möglichkeit ist, sich tief im Sumpf der Abhängigkeit zu verlieren. So gibt es auch die sogenannten Verhaltenssüchte, wie Michael Musalek, Ärztlicher Direktor des Anton Proksch Instituts im 23. Wiener Gemeindebezirk, erklärt. Dazu gehören etwa die Spielsucht oder auch die Kaufsucht. Der Begriff Sucht bezeichnet laut Musalek ein Abhängigkeitssyndrom sowie eine schwere Erkrankung. Sie wird durch sechs Kriterien beschrieben, deren zentrales der Kontrollverlust Betroffener ist. Weitere Kriterien sind: Toleranzentwicklung, für gleiche Effekte wird bald eine höhere Dosierung benötigt; "Craving", der Drang das Suchtmittel erneut zu konsumieren; körperliche Abhängigkeit, sie zeigt sich zum Beispiel in Entzugserscheinungen; Konsum des Suchtmittels trotz negativer Konsequenzen; und schließlich, als Spätkriterium, die Ausrichtung des kompletten Lebens auf die Sucht. Sind mindestens drei der Kriterien über einen Zeitraum mehrerer Monate zutreffend, so wird die Erkrankung als Sucht eingestuft. Allerdings werden auch schon ein bis zwei zutreffende Kriterien mitunter als problematisch erachtet.

Die Sucht nach "World of Warcraft"#

Neben den Klassikern Alkohol, Nikotin und diversen synthetischen Drogen bieten sich inzwischen auch die etwas exotischeren Süchte unseres modernen Zeitalters an. Die Neigung zur Sucht ist immer auch von der Verfügbarkeit des jeweiligen Suchtmittels abhängig, betont Musalek, und das geliebte Smartphone ist eben stets zur Hand. Doch eine tatsächliche Mobiltelefon-Sucht gibt es laut dem Experten so nicht. Vielmehr verweist er auf die große Oberkategorie Online-Sucht, die sich in die Abhängigkeit von Online-Glücksspiel, Social Media und sogenannten Persönlichkeitsspielen, bei denen man relativ lange im Internet bleiben muss (ein Beispiel ist etwa "World of Warcraft"), einteilen lässt.

Laut dem kanadischen Suchtexperten und Autor Gabor Maté ist die wichtigste Frage, was ein Mensch durch sein Suchtverhalten zu kompensieren sucht. Er beschreibt Abhängigkeit als einen Versuch der Problemlösung um mit (emotionalem) Stress, einem Trauma, einem empfundenen Kontrollverlust, kurz Schmerz, umzugehen. Dabei muss ein Trauma keine monströsen Ausmaße Marke schrecklicher Todesfall in der Familie annehmen. Es reicht aus, wenn Elternteile emotional unerreichbar bleiben und langfristig nicht auf die Bedürfnisse einer sensiblen, jungen Seele eingehen, um einen traumatisierten Erwachsenen zurückzulassen. Laut Maté steht also nicht die Behandlung der Sucht, sondern deren unterliegende Problematik im Vordergrund.

Dem kann Musalek sich nicht anschließen. Er weist auf die Fülle pathogenetischer Theorien, die zur Sucht-Entstehung kursieren, sowie auf die Komplexität der Erkrankung hin. Ein Abhängigkeitssyndrom, erklärt er, entstehe nie aus einem einzigen Grund heraus, vielmehr aufgrund multipler Faktoren. Sucht trete beispielsweise häufig zusammen mit psychischen Erkrankungen, wie Angststörung oder Depression, auf.

Auch kann die Genetik anfälliger für einzelne Suchtmittel machen. Wer etwa Alkohol gut verträgt, der wird eher eine Alkoholsucht entwickeln als jemand, der unter den Nachwirkungen einer durchzechten Nacht sehr leidet. Allerdings: "Jeder hat eine Chance auf Sucht", sagt Musalek, wenn über einen langen Zeitraum eine hohe Dosierung des Suchtmittels konsumiert wird.

Doch was macht denn nun an Social Media so süchtig? Immer wieder liest man, jeder Like auf Instagram und Co. löse einen Dopamin-Ausstoß aus. Das ist nicht ganz richtig, stellt Musalek klar: Wenn unser Facebook-Profilbild geliked wird, freuen wir uns und schütten in der Folge Stoffe aus, die uns ein gutes Gefühl geben. Das kann etwa Dopamin sein, aber auch Oxytocin, das "Kuschelhormon", das unter anderem für zwischenmenschliche Bindung zuständig ist. Like ist gleich Dopamin ist gleich Dopamin als Quasi-Suchtmittel und Wurzel der Abhängigkeit, ist also deutlich zu einfach gedacht.

Auf die Frage, ob man in Zukunft auch Instagram- oder Twitter-Süchtige behandeln wird, berichtet Musalek, dass solche Fälle bereits existieren. Die Betroffenen reagieren mit massivem Unwohlsein, wenn sie nicht mehrere Stunden pro Tag auf Social Media verbringen können. Vermutlich werden die Fallzahlen auch zukünftig nicht sinken, eben weil immer mehr und bessere Verfügbarkeit des Suchtmittels gewährleistet ist. Wie genau die Behandlung Betroffener angelegt sein wird, kann der Experte noch nicht sagen. Da müsse man noch auf Ergebnisse der Forschung zuwarten.

Bis es so weit ist, sollte man das Handy sicherheitshalber öfter einmal aus der Hand legen.

Wiener Zeitung, 30.September 2019