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Österreichs erster EU-Botschafter Manfred Scheich ist tot#

Der "Vorzeige-Diplomat" ist im Alter von 86 Jahren in Wien verstorben.#


Von der Wiener Zeitung (14. März 2020) freundlicherweise zur Verfügung gestellt


Manfred Scheich auf einem Foto von 2012 bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung
Manfred Scheich auf einem Foto von 2012 bei einer Veranstaltung der Heinrich-Böll-Stiftung.
Foto: flickr.com, Stephan Röhl, unter CC BY-SA 2.0

Der erste Botschafter Österreichs bei der Europäischen Union, Manfred Scheich, ist tot. Wie am Freitag bekannt wurde, ist er bereits am 6. März 86-jährig in Wien gestorben. Scheich habe als Chefverhandler "wesentlich" zu Österreichs EU-Beitritt beigetragen, betonte Alexander Schallenberg (ÖVP) gegenüber der APA. Ex-EU-Kommissar Franz Fischler bezeichnete ihn gar als "Hebamme" des EU-Beitritts.

Scheich sei allseits hoch geachtet und geschätzt gewesen und habe "den Beruf des Diplomaten mit außerordentlicher Passion ausgeübt", betonte Schallenberg. "Dabei hat er sich als Europäer verstanden und sich stets für die Stärkung des europäischen Gedankens eingesetzt". In Erinnerung bleiben werde "insbesondere sein Engagement im Rahmen der Beitrittsverhandlungen Österreichs mit der Europäischen Union".

Fischler bezeichnete Scheich in einem Nachruf als "österreichischen Vorzeige-Diplomaten". "Alois Mock wurde stets 'Monsieur d'Europe' genannt, Manfred Scheich könnte man etwas salopp als 'die Hebamme' für den österreichischen EU-Beitritt bezeichnen", schrieb der erste österreichische EU-Kommissar in Anspielung auf die schwierigen und langwierigen Beitrittsgespräche.

Stationen bei OECD und EFTA#

Im April 1933 im schlesischen Troppau geboren, kam Scheich als Zwölfjähriger während der Vertreibung der Sudetendeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nach Wien. Dort studierte er Welthandel und begann seine berufliche Laufbahn im Bundeskanzleramt. Nach einem Studium an der Johns Hopkins Universität in Bologna schlug er eine diplomatische Laufbahn ein.

Scheich arbeitete in den 1960er Jahren bei der österreichischen OECD-Vertretung Österreichs in Paris, war Vizechef der österreichischen EFTA-Delegation in Genf und Anfang der 1970er Jahre Botschaftsrat in Brüssel. Von 1978 bis 1983 leitete er die Sektion für europäische Integration im Außenministerium und war danach bis 1986 der österreichische Botschafter bei den Europäischen Gemeinschaften in Brüssel. Bis 1992 war er dann Sektionschef für Integrations- und Wirtschaftspolitik im Außenministerium. Dabei hatte er als Chef einer interministeriellen Kommission auch die heikle Aufgabe, die Vereinbarkeit der EU-Mitgliedschaft mit der Neutralität zu prüfen. Das positive Votum der "Scheichkommission" führte laut Fischler dazu, dass Österreich im Jahr 1989 den Beitrittsantrag in Brüssel stellte.

Chefverhandler bei Beitrittsgesprächen#

Scheich war danach Chefverhandler in den Beitrittsgesprächen der Jahre 1993 und 1994, und zählte im Juni 1994 auch zu den vier Unterzeichnern des österreichischen Beitrittsvertrags auf der griechischen Insel Korfu - neben Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ), Außenminister Alois Mock (ÖVP) und dem Spitzenbeamten Ulrich Stacher. Von 1995 bis 1999 war Scheich erster Leiter der Ständigen Vertretung Österreichs in Brüssel. In dieser Funktion war er laut Fischler auch intensiv am Zustandekommen des Amsterdam-Vertrags, der Durchführung der ersten österreichischen EU-Ratspräsidentschaft 1998 sowie der Agenda 2000 (Reform des EU-Budgets) beteiligt. Das Magazin "Politico" bezeichnete ihn damals als "Österreichs graue Eminenz" in Brüssel.

Nach seiner Pensionierung lebte Scheich mit seiner Frau Catherina in der französischen Provence, war aber immer wieder als Vortragender in Wien. Europa blieb er immer eng verbunden. So empfahl er Österreich anlässlich der EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2006, es solle "die Nase nicht zu hoch stecken" und sich in den Dienst des Ganzen stellen. Die Präsidentschaft habe vor allem die Aufgabe, "unter einer gewissen nationalen Selbstaufgabe" einen Kompromiss unter den anderen Mitgliedsstaaten zu erreichen, sagte er damals in einem APA-Interview. "Das Ziel ist, andere auf einen Nenner zu bringen, ohne dass man Selbstmord begeht", so Scheich.

Wiener Zeitung, 20. März 2020