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Die Malthusianische Falle #

Auf falschen Annahmen eines englischen Nationalökonomen basieren heute noch Teile der Gesellschafts- und Globalisierungskritik. Ein Essay.#


Mit freundlicher Genehmigung aus der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (30. August 2018)

Von

Lars Jaeger


Thomas R. Malthus
Thomas R. Malthus. 1766 in der Grafschaft Surrey geboren, Pastor und Inhaber des weltweit ersten Lehrstuhls für politische Ökonomie.
Foto: DeAgostini/Getty Images (1); Shutterstock (1)

Wer heute Diskussionen zur Ressourcenknappheit, zum Klimawandel oder über das ökonomische Wachstum verfolgt, wird bei genauerem Hinschauen ein immer wiederkehrendes Argumentationsmuster erkennen: „Unser heutiges Gesellschafts- und Wirtschaftssystem verlangt ständiges Wachstum. Und das ist in einer endlichen Welt einfach nicht möglich.“ Der intellektuelle Urgroßvater dieser Sichtweise war der britische Nationalökonom Thomas Robert Malthus, der in zwei Werken 1798 („An Essay on the Principle of Population“) und 1820 („Principles of Economics“) das Prinzip der Endlichkeit unserer Ressourcen mit der Dynamik des menschlichen Bevölkerungswachstums verglich.

Formuliert als mathematische Gesetzmäßigkeit stellte Malthus es als unabwendbare Notwendigkeit dar, dass der Mensch schicksalhaft einem Gesetz der unbegrenzten Vermehrung gehorcht, während sich die Ressourcen, die es für ein solches „geometrisches“ (exponentielles) Wachstum der Menschheit braucht, sich nicht in denselben Proportionen vermehren. Diese entwickeln sich nur „arithmetisch“ (linear).

Gemäß Malthus reichen bei einer solchen unbeschränkten Vermehrung irgendwann die Lebensmittel nicht mehr für die Ernährung der Erdbevölkerung aus, so dass es immer wieder „korrigierende“ Ereignisse in Form von Krankheiten, Elend, Kriegen und Tod gibt, die das Wachstum der menschlichen Bevölkerung begrenzen und so das Gleichgewicht wieder herstellen. Seine Überbevölkerungstheorie führte 1834 in England zu einer neuen Armengesetzgebung, worin die Unterstützung Hilfsbedürftiger in England massive Kürzungen erfuhr). So meinte Malthus konkret: Ein mittelloser Mensch, dessen Arbeit die Gesellschaft „nicht nötig hat“, habe „nicht das mindeste Recht, irgendeinen Teil von Nahrung zu verlangen, und er ist wirklich zu viel auf der Erde“. Diese bekannte wie berüchtigte Stelle hat Malthus zwar später wieder gestrichen, aber sie fasst sein Denken gut zusammen.

Grenzen der Vorstellungskraft #

Das schreckt so manchen Ökonomen, Soziologen oder andersartig politisch Motivierten nicht davor zurück, das Malthusianische Argumentationsmuster auf die heutige Zeit anzuwenden. Wenn der Club of Rome die Grenzen des Wachstums darlegt und der Malthus’schen Theorie 1972 damit einen grünen Anstrich verlieh, Umweltökonomen das Argument der Endlichkeit unserer Umweltressourcen für die Forderung nach radikalen politischen Umkehrmaßnahmen einsetzen, weil sonst der Untergang droht, Kapitalismusgegner ganz allgemein das ökonomische (exponentielle) Wachstum brandmarken, das ja aufgrund endlicher materieller Güter auf unserem Planeten nicht immer so weiterlaufen kann, Geldtheoretiker die Einführung von „Vollgeld“, das heißt eine Beschränkung der Geldschöpfung durch die Banken fordern, oder Gewaltforscher vor Heerscharen „überzähliger“ junger Männer warnen, so schwingt bei all dem der düstere, pessimistische Grundton von Thomas Robert Malthus mit.

So heißt es an der zentralen Stelle des Berichtes des Club of Rome in nahezu Malthusianischer Formulierung: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Es gibt in der Geschichte der Nationalökonomie wohl kaum eine Theorie, die durch die tatsächliche Entwicklung deutlicher wiederlegt wurde als die Malthusianische. Seit 1800 stieg die Erdbevölkerung von weniger als einer Milliarde Menschen um das Achtfache auf heute mehr als 7,5 Milliarden. Zugleich ist der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung auf heute knapp über zehn Prozent gesunken.

Historisch aktueller Fehler #

Was also führte dazu, dass Malthus mit seiner Theorie derart deutlich daneben lag? Die Antwort lässt sich kurz mit drei Worten formulieren: der technologische Fortschritt. Mit seinen (schon damals dünnen) empirischen Untersuchungen blickte Malthus auf eine Agrargesellschaft zurück, die bereits zu seiner Zeit in England begonnen hatte, der industriellen Revolution zu weichen. Er betrachtete den damals gegebenen Stand der Technologien und setzte diesen auch für die Zukunft als gegeben voraus – ein übrigens auch heute noch häufig gemachter Fehler in der wirtschafts- oder sozialwissenschaftlichen Forschung.

Doch mit Fortschritten bei der Saatgutzüchtung, der Nährstoffauffüllung der Böden (zum Beispiel mit chemischen Düngemitteln), der Bewässerung, der Mechanisierung und zahlreichen weiteren Erfindungen lief das Wachstum des Nahrungsangebotes in den ihm folgenden 200 Jahren dem der Bevölkerung davon.

Auch heute bahnt sich auf Basis der Gentechnologie eine neue Agrarrevolution an, auch wenn es bei uns nicht allzu gern gehört wird. Das Scheitern des Malthusianischen Argumentationsmusters folgt immer dem gleichen Schema: Der jeweilige technologische Entwicklungsstand und die gegebene soziale Gesellschaftsstruktur werden auf Jahrzehnte in die Zukunft projiziert (bzw. nur mit linearen Wachstumsraten extrapoliert), was bei gegebenem exponentiellen Wachstum unseres Ressourcenverbrauchs zu entsprechenden katastrophalen Auswirkungen und dystopischen Zukunftsaussichten führt. In der Realität erwies sich der technologische Fortschritt in den letzten 400 Jahren jedoch immer wieder als weitaus schneller als jedes lineare Wachstum. Selbst exponentielle Wachstumsraten wurden teils übertroffen.

Soziale und gesellschaftliche Innovation spielen ebenfalls eine bedeutende Rolle – oft interagieren sie direkt mit dem technologischen Wandel. Beispiele sind der Siegeszug der Pille, die Ein-Kind-Politik Chinas (die ganz im Sinn von Malthus ist) oder der durch wachsenden Wohlstand und die Emanzipation der Frauen bewirkte, in entwickelten Ländern starke Rückgang der Geburtenraten (woraus sich ein soziales und ökonomisches Problem ergibt, das dem Malthus- Szenario genau entgegensteht: Wegen Geburtenmangel schrumpft die Bevölkerung in vielen Industriestaaten).

Bisher entschärften der wissenschaftlich-technologische und der wirtschaftlich-soziale Fortschritt die Malthusianische Falle immer und immer wieder. Dennoch fällt es nicht leicht, uns auch in der Zukunft darauf zu verlassen. Denn bei näherer Betrachtung ging es beim Zuwachs unseres Wissens und unserer Fähigkeiten nicht immer nur darum, nachhaltig mehr Output bei gleichem Input zu erzielen, sondern allzu oft darum, bestehende Ressourcen unseres Planeten abzubauen, das heißt mehr Output mit mehr Input zu erzielen. Die ersten beiden industriellen Revolutionen basierten auf der wenig nachhaltigen Verfeuerung fossiler Brennstoffe, also Kohle und später Öl und Gas, womit die Menschheit geologische Ablagerungen von alter Sonnenenergie nutzte, die als Kohlenhydrate gespeichert waren und damit in endlicher Menge vorliegen – und deren Verbrennung mit massiven Auswirkungen für die globale Ökobilanz einhergeht.

Ende des Wachstums? #

In der Diskussion um Ressourcenknappheit und Klimawandel wird immer wieder ein Ende des Wirtschaftswachstums gefordert. Damit streifen sich die intellektuellen Erben von Malthus den Makel des Asozialen ab und kleiden sich in ein wesentlich sympathischeres grünes Gewand. Es ist nun nicht mehr die Endlichkeit der Nahrungsverfügbarkeit, sondern die Umweltverträglichkeit und Nachhaltigkeit unserer modernen Lebensart, die in Frage gestellt wird, woraus dann ähnliche Kollaps-Szenarien erstellt werden wie vor über 200 Jahren. Und tatsächlich sind die materiellen und ökologischen Ressourcen auf unserem Planeten endlich und eine exponentielle Wachstumsrate jeglichen Verbrauchs ihrer wird irgendwann an seine Grenzen stoßen.

Hier muss den modernen Malthusianern zugestimmt werden. Was sie allerdings unberücksichtigt lassen, ist der menschliche Erfindungs- und Pioniergeist. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage: Könnte die Malthusianische Argumentation dieses Mal zutreffen? Verweisen wir die modernen Malthusianer in die Schranken der bisherigen historischen Unzulänglichkeiten ihrer dystopischen Zukunftsvisionen, so wetten wir geradezu auf die unerschöpfliche Erfindungskraft der Menschen. Bisher haben wir diese Wette immer wieder gewonnen. Die Frage ist, ob wir uns wirklich darauf verlassen wollen, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird.

Der Autor ist Unternehmer und Philosoph. In Büchern und Artikeln behandelt er Investment und Wissenschaft.

DIE FURCHE, 30. August 2018