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Tagebücher176
ich wünsche, mit den Mailändern amalgamirt zu haben; und darauf würde
ich mir etwas einbilden, weil es nicht so leicht ist und nur von sehr Wenigen
erreicht wurde.
[mailand] 9. mai
spaur ist seit einigen tagen hier, ich machte ihm am tage nach seiner An-
kunft meine visite, und heute waren wir, d.h. die delegation in corpore bey
ihm; es hängt bisher der Himmel voller Geigen; neue Besen kehren gut; aber
um hier zu réusiren, wird er noch manches abstreifen und manches Andere
annehmen müssen, mehr diplomat und weniger Bureaucrat werden. seine
familie kommt übermorgen, worauf ich mich freue.
mit wahrem schmerz vermisse ich jetzt den unbeschränkten gebrauch
der gouverneursloge in der scala, welche mir zur unentbehrlichen, und un-
ersetzlichen Gewohnheit geworden war; überhaupt ist die Scala jetzt leer
und langweilig zum erbarmen.
die samoyloff geht morgen weg, nach ischia, von wo sie nach 2 monathen
zurück kömmt und nach Como geht, wo es heuer sehr brillant zugehen wird;
für jetzt aber ist nun auch ihr salon zu.
mein leben vergeht hier unbegreiflich beschäftigt mit hunderttausend
Dummheiten, die mir zu nichts Gescheidtem Zeit lassen; Theater, Visiten,
corso, cova, und jetzt die sorge, wie für den sommer, faute de mieux, eine
hübsche madamina oder so etwas beizuschaffen, nehmen einen großen theil
des Tages in Anspruch; dazu mein langweiliges Bureau, welches mir täg-
lich unleidlicher wird, weil es eine geist- und zwecklose Zeitversplitterung
ist und mich blos mechanisch beschäftigt, nie aber geist und interesse in
Anspruch nimmt; und so komme ich zu gar Nichts und muß noch froh seyn,
wenn ich meine Zeitungen regelmäßig, und nebstbey hie und da ein vernünf-
tiges Buch lesen kann; und doch läßt es sich nicht ändern; dieses dumme
Bureauleben zersplittert meine kostbare Zeit ohne rettung.
ich machte diese tage einen Ausflug nach como und Bellagio zu serbel-
loni, der mir alle seine selbsterschaffenen herrlichkeiten jenes zauberhaften
Aufenthalts producirte; leider war das Wetter nicht sehr günstig. Fremde
gibt es noch sehr wenig.
[mailand] 15. mai
Ich werde nach und nach zu einer Art von maquignon; letzthin verkaufte
ich meine Pferde und heute meine beyden Wägen, und kaufte dafür 2 große
englische Füchse Courteous und einen éleganten offenen Wagen; nun bin
ich noch wegen einer tilbury’s1 im handel, worein ich abwechselnd meine
1 leichter zweirädriger Wagen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien