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aber auffiel, war der Haß und die Verachtung, womit sie von ihnen sprachen;
hiernach scheint es nicht, als ob das gemeine volk wenigstens in italien den
Instinkt der Freyheit hätte; der Instinkt von Ordnung und Ruhe scheint ih-
nen näher zu seyn.
varenna 19. september
hier sitze ich in einem deliziosen kleinen Pavillon hart am see, dessen allei-
niger Bewohner ich bin, in der herrlichsten lage von der Welt und glücklich
wie ein König; wie lange das dauern wird, weiß ich nicht, besonders der com-
pleten einsamkeit halber, aber für jetzt wenigstens befinde ich mich so wohl
als ein fisch im Bache.
heute früh 8 uhr verließ ich como mit dem herrlichsten Wetter von der
Welt; das Dampfboot war sehr voll, jedoch wenig oder gar keine Fremden,
sondern lauter mailänder oder leute aus der hiesigen gegend, darunter
einige Bekannte von mir, u.a. gubernialrath Beccaria etc., dann eine sehr
schöne und distinguirte junge frau mad. ulrich, trotz ihres plebejischen
Nahmens eine Elegante von Mailand; dieser machte ich unterwegs zum
theile die cour, sie wohnt alle tremmezzina, also habe ich in diesen tagen
vielleicht gelegenheit diese cour fortzusetzen.
Als ich nun gegen 11 uhr hier ankam, war die erste Person, die ich unter
der thüre des gasthofes traf, zu meiner großen verwunderung und freude
tiesenhausen, welcher von stuttgardt aus mit dem eilwagen einen Abste-
cher nach como macht, um seine cousine samoyloff, si fabula vera est, noch
ein mal zu sehen (übrigens erkläre ich mir die sache einfacher und wohl
auch wahrscheinlicher durch die neuliche Ankunft Berchtolds in mailand).
kurz dem sey wie man will, wir freuten uns Beyde über dieses unverhoffte
Zusammentreffen, wir déjeunirten à la fourchette mit einem reisegefährten
tiesenhausens, einem original von einem italiäner oder Piemontesen, schon
ziemlich ältlich, jedoch sehr schnackisch, dessen nahmen wir nicht wußten,
der aber ein ordensband hatte, jedoch dabey ziemlich viel von einem aven-
turier hatte. sie wollten die villa sommariva sehen, und so fuhr ich denn
mit trotz der entsetzlichen Hitze; wir sahen denn diese mir sehr langweilige
villa mit ihren Bas-reliefs von thorwaldsen (der triumphzug Alexander’s),
mit ihren 2 superben Werken canova’s, Amor und Psyche und Palamedes,
und ihrer unzahl mittelmäßiger statuen und gemälden, warteten dann alle
cadenabbia die Ankunft des dampfbootes ab, und als ich sie an Bord dessel-
ben [gebracht hatte], wo ich auch meinen alten freund taube, tiesenhau-
sens Bedienten, wiedersah, fuhr ich wieder hieher zurück, wo ich ankam, als
es schon Abend war.
ich ließ mir von tiesenhausen eine menge geschichten aus Wien, kissin-
gen, ems, Baden Baden etc. erzählen, wo er diesen sommer über gewesen
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien