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20123.
September 1841
ist; von Fürstin Therese Esterhazy und ihrer Verzweiflung, als ihr Mann sie
in kissingen überraschte, von louise Almásy und von gräfin lottum, wel-
cher, wie er behauptet, Prinz friedrich von Würtemberg mit erfolg die cour
machte; sollte sie nur mit mir sentiment gemacht und le parfeit amour filirt
haben? da wäre ich denn ein sehr spaßhafter dupe gewesen.
eine Quantität mailänder Bekannte traf ich in diesen tagen in como und
hier überall; auch hier sind alle Wirthshäuser gesteckt voll; das finde ich
mitunter recht angenehm, wenn man nur dem Lärm auskömmt; überhaupt
gewinnt der comer see nun in meinen Augen, und ich kann an einen län-
gern séjour daselbst als recht angenehm denken.
[varenna] 23. september
es sind nun 5 tage, daß ich in varenna sitze, und mit Ausnahme des ge-
strigen tages waren sie alle sehr schön, so daß ich die magnifique lage und
meinen köstlichen Pavillon ganz nach Herzenslust genießen konnte; ich war
ganz selig, machte täglich Ausflüge zu Wasser nach Bellaggio, wo ich auch
eben heute bis nach 11 uhr Abends bey serbelloni blieb und soupirte und
dann beym schönsten mondschein nach hause fuhr, nach der cadenabbia,
tremmezzina, etc., den gestrigen tag, da es regnete, widmete ich den ge-
selligen freuden, d.h. ich speiste mit einem deutschen, in mailand établir-
ten kaufmann, neuer mit nahmen, seiner frau, und einem wunderlichen
engländer, mr. Barlow, und spielte nach tisch mit mad. neuer eine Parthie
Schach; Heute Vormittags war ich in der Glasfabrick in Fiume latte, hier
nebenbey, worin jedoch nur Fensterscheiben gemacht werden; da ich aber
noch nie eine glas-fabrick gesehen hatte, interessirte mich diese sehr, die
composition besteht aus der glaserde vermischt mit kalk- und marmor-
staub; diese wird in glühenden irrdenen Gefäßen gekocht, und dann davon
ein klumpen an ein eisernes Blasrohr festgemacht und zu cylindern gebla-
sen; diese Cylinder dann mit einem glühenden Eisen durchschnitten und in
einen etwas weniger heißen glühofen gelegt, wo sie sich wie ein Blatt Papier
auseinander legen, worauf sie geglättet werden, und die fensterscheibe fer-
tig ist. es sind ungefähr 100 Arbeiter, jedoch davon nur 8–10 glasbläser.
ich habe diese tage sehr viel gearbeitet, besonders an den Abenden, und
hoffe, binnen meines urlaubs fertig zu werden. morgen verlasse ich va-
renna, ungern und doch wieder gerne, denn auch Abwechslung thut mir
noth, und zudem ist eine so complete einsamkeit auch nicht auf die länge
auszuhalten; wo ich hingehe, weiß ich selbst noch nicht recht, entweder über
menaggio und Porlezza nach lugano und dann tags darauf nach como,
oder geraden Weges dahin, von como gehe ich dann nach varese und von da
an den lago maggiore, wo ich etliche tage bleiben will, und zwar in Arona.
mittwoch oder donnerstag den 30. bin ich dann wieder in mailand.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien