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Tagebücher238
von meyendorf und saß zwischen ihr und clotilde, so waren wir seit gestern
übereingekommen. das souper war sehr animirt und angenehm, frau von
meyendorf amusanter als je, nach tische setzten sich abwechselnd mehrere
herrn zum clavier, und da wurde dann alles mögliche tolle Zeug getrieben,
zuerst ein Bischen gewalzt, dann ein contredanse mit den allerpossierlich-
sten sprüngen, ich tanzte sie mit clotilde, die delicios war, voll lustigkeit
und muthwillen, und wie toll herumfegte und hüpfte, immer gracieuse und
distinguirt in allen ihren Bewegungen, auch ich überboth mich in sprüngen
und muskelkraft und wurde wüthend applaudirt. dann wurde redowak,
Altvater und eine menge solch dummes Zeug getanzt, und zuletzt sollte sich
frau v. meyendorf gar mit einer cachucha produziren. kurz, wir waren sehr
lustig, und es wurde 5 uhr ohne daß wir wußten wie, dann ging Alles, ich
war noch eine halbe stunde lang bey clotilde, um sie nach herzenslust abzu-
küssen, bis sie mich beynahe mit gewalt fortjagte, denn sie war sehr müde,
und bedurfte der ruhe.
heute regnet es wieder wie gestern, und somit ist der corso, welcher an-
gesagt war, zu nichte geworden.
[florenz] 31. Jänner
ich ging gestern um 3 uhr zur gräfin Würtemberg und schwätzte da eine
stunde mit ihr, sie erzählte mir nach ihrer gewohnheit eine menge can-
cans, darunter auch einige sehr boshafte über die gräfin lottum, d.h. über
ihr früheres leben, toujours de sa maniére doucereuse, et en protestent de
ne pas y croire. nach 4 uhr ging ich zu clotilde, welche sehr angegriffen und
leidend war, sie beklagt sich seit einigen tagen über Brustschmerzen, das
tanzen und Wachen thut ihr nicht gut. Bald nach mir kam Putbus, und als
er fortging, blieb ich noch bis 1/2 6 uhr bey ihr, ging dann zu mir hinüber
toilette machen und dann zu Putbus hinab, wo wir wieder ein sehr amu-
santes diner hatten. es waren da er und sie meyendorf, lapuchin, Allegri
und Bonetta, mit Ausnahme Allegris lauter sehr gescheidte und interessante
menschen, wiewohl Bonetta mir antipathisch ist. es wurde während des es-
sens viel von Politik gesprochen, und meyendorf und Bonetta erzählten viel
über Berager, thiers, mad. lafarge1 etc., nach tische hatte ich ein interes-
santes gespräch mit lapuchin über die Administration und innere verfas-
sung rußlands. Wir blieben bis gegen 9 uhr zusammen, dann ging ich auf ei-
nen moment zur gräfin thurn mit einem Auftrage von clotilde wegen eines
costumes, welches sie am 7. kommenden monats auf dem Balle bey lady
1 marie lafarge wurde 1840 in einem sensationsprozess des giftmordes mit Arsen an ihrem
mann angeklagt und zu lebenslanger haft verurteilt. sie starb 1853 kurz nach ihrer Be-
gnadigung durch louis napoléon.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien