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nalen und vierteljahrsschriften aller sprachen etc. ich blieb da bis 9 uhr
und ging dann nach hause. gegen 10 uhr machte ich toilette und ging zu
Bonetta, wo ich noch sehr wenige leute fand, die aber bald in haufen ka-
men, so daß die salons kaum Platz für [sic]a 1
ich machte mich sehr bemerkbar, sprach mit aller Welt, pour faire acte
de présence, tanzte eine tour mit der frau vom hause, und schlich mich um
1/2 12, als die leute gerade noch ankamen, ganz still davon und zu clotilde.
sie war nicht zu Bonetta gegangen, erstlich weil sie sich wieder sehr unwohl
und angegriffen fühlt und daher gar nicht mehr tanzen will, sie will nun
nicht einmal mehr auf den kostümirten Ball zu holland gehen, und dann
zum theile, weil sie sich über Bonetta und seine dummen reden, die er bey
jeder gelegenheit wieder erneuert, ärgert. Auch bey lapuchin, welches für
sie ein zweytes vaterhaus ist, ce qui n’empêche pas, daß er lapuchin sie lie-
ber hat als er sollte und als dieß seiner frau und clotilde recht ist, wird in
einem fort über mich gesprochen, obwol mich außer ihm niemand im hause
kennt, und clotilde rapportirt mir getreulich Alles, was sie meinethalben
erdulden muß. heute Abends war dann ein rendezvous, modéte. Anfangs
ein langes trauliches geschwätz über alle ihre kleinen freuden und leiden
in und außer dem hause, und dann sprachen wir von uns und unsern ge-
fühlen, sie schien mich heute mehr als jemals zu lieben und sagte mir die
schönsten zärtlichsten dinge, auch ich, oder eigentlich ich noch viel mehr,
war ganz Anbethung für sie, je mehr liebe ich ihr zeige, desto offener und
leidenschaftlicher erwiedert sie sie, das beweist mir, daß es keine koketterie,
keine berechnete herrschsucht ist, welche sie in meine Arme führt, je mehr
ich sie kennen lerne, desto mehr lerne ich ihr gemüth und ihre herzensgüte
lieben und bewundern. das einzige worin wir noch differiren, ist ihre sucht
ihren liebhaber zu beherrschen, während ich wieder ebensoviele ergebung
von meiner dame fordere, doch bin ich gewiß, daß ich mit der Zeit und mit
guten manieren sie ganz gefügig machen könnte. Wenn sie wollte, ich heira-
thete sie auf der stelle, würde auch die liebe nicht ewig dauern, so würde sie
mir doch nie, das weiß ich, unangenehm werden können, sie würde immer
meinen kopf, meine eitelkeit und meine liebe für Alles, was elegant und di-
stinguirt ist, befriedigen, und auf dieses würde und müßte ich bey der Wahl
einer lebensgefährtin vorzugsweise sehen.
[florenz] 3. februar
clotilde hatte mir gestern gesagt, sie würde mich sobald sie aufstände holen
lassen, ich wartete daher bis es 1 uhr wurde, dann aber war ich dans mon
a der satz bricht am ende der seite ab, der gedanke wurde wohl nicht weitergeführt, im
tagebuch wurde keine seite entfernt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien