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Tagebücher256
wie ich es gestern clotilden versprochen hatte, einen langen herzlichen Brief
an sie, den ich dann selbst auf die Post trug. Als ich zurückkam, um 1/2
1 uhr, fuhr ich ab in dem schönsten Wetter von der Welt und mit zurück-
gelegtem Wagen. diese schöne fahrt heiterte meinen geist auf, there is
something stirring in dem schnellen reisen für mich. in den Alpen, und von
da an weiter, traf ich wieder den gottverfluchten schnee, doch lange nicht so
viel als auf meiner reise nach florenz. Warum habe ich dieses schöne land
verlassen müssen? gegen 9 uhr war ich hier und trank und trinke thee in
einem jämmerlichen Wirthshause. unterwegs, heute wie gestern in livorno,
begegnete ich viel masken wegen der letzten faschingstage.
mailand 14. februar vormittags
ich weiß nicht, ob ich richtig gerechnet habe, als ich auf das geräusch des
carnevalone zählte, um den übergang von diesen himmlischen tagen in
florenz zu meiner gewohnten, weniger als irdischen existenz hier in mai-
land zu vermitteln, gewiß ist, daß ich noch immer eine Art von Bleygewicht
auf meiner seele lasten fühlte, und daß meine gedanken heute noch nur
eine richtung haben. das wird wohl besser werden, ich fange an, mich mei-
ner stumpfheit zu schämen, und trachte mich ihrer zu erwehren, ich ringe
nach der gewohnten elastizität und thätigkeit meines geistes und nach al-
len meinen sonstigen ideen und Projekten, welche mich für den moment alle
verlassen haben, was ich für das vorzüglichste Zeichen ansehe, daß ich mehr
als gewöhnlich getroffen bin. Aber gegenwärtig gehen alle meine gedan-
ken nur einen Weg. Alles andere findet in mir nur theilnahmslosigkeit, ich
denke nur an die Zeit, da ich clotilde wiedersehen werde, an die Art und die
umstände unseres Wiedersehens, welches wir in florenz, bey der ungewiß-
heit, in welcher sie darüber ist, was sie im nächsten sommer beginnen wird,
nur höchst unvollständig verabredet haben. mein vorschlag war das schöne
thun, vielleicht sehen wir uns auch in Wien, wenn sie nämlich nach schle-
sien zu ihrem manne gehen sollte, was wohl nicht geschehen wird, sonst im
Bade ems. Wenn sie aber, was ich für das wahrscheinlichste halte, in italien
bleiben sollte, so sehe ich sie in lucca oder castellamare.
und was wird unter diesen verhältnissen aus meiner reise nach Ame-
rica? darin ist seit einem monathe nichts geändert, und sie wird, wenn an-
ders möglich, statt haben, nur fühle ich mich jetzt weder aufgelegt noch im
stande daran zu arbeiten. man möge mir diese augenblickliche schwäche
zu gute halten. doch aber habe ich seit meiner Ankunft, da ich aus den hier
vorgefundenen Briefen erfuhr, daß heinrich ritter in england sey, was mir
sein langes stillschweigen erklärt, an dessen schwager Böckmann geschrie-
ben und ihn um baldige übersendung der versprochenen Arbeit über die
österreichischen handelsverhältnisse mit südamerika gebethen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien