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Februar 1842
durch alles dieses ist der gedanke an clotilde einigermaßen in den hin-
tergrund gedrängt, und dieses schmerzt mich, denn selbst meine regrets
waren angenehm und süß, es ist wohlthuend, dem gedanken an die, die man
liebt, nachzuhängen, selbst wenn man von ihr getrennt ist, und man ver-
tauscht diesen kummer nur ungern gegen die unangenehmen, stechenden
sorgen eines ehrgeitzes, dessen Befriedigung noch unklar und ungewiß ist,
gegen die peinliche Aufregung eines thätigkeitsdurstes, welcher noch nicht
weiß, wie er sich luft machen soll. das ist mein alter fluch, ein gewisses
gut für ungewisse Bestrebungen hingeben zu müssen. es ist doch sonder-
bar, wie manchmal die leute, ohne es zu ahnen, in die nähe der Wahrheit
kommen, neulich sagte mir Jemand, hier erzähle man sich, ich sey zum
österreichischen generalconsul in mexico ernannt.
[mailand] 27. februar sonntag
meine reise nach Wien war auf heute über acht tage bestimmt, ich hatte so-
gar schon meine Plätze auf dem couriereilwagen genommen und bezahlt, da
schrieb mir vorgestern flore, graf hartig meine, ich thäte besser nicht so-
gleich zu kommen, sondern einige Zeit zu warten, da bis dahin mein gesuch
vielleicht entschieden seyn dürfte. dieses convenirt auch mir besser, weil
ich dann mein Avancement als ein fait accompli annehmen kann und wegen
meinen sonstigen démarchen les coudées franches habe. lange aber kann
ich meine reise doch nicht aufschieben, aus mehreren gründen und unter
andern, weil ich lerchenfeld, der nach frankfurt ernannt ist und Anfangs
April abgeht, doch noch sehen möchte, und so übertrug ich denn durch eine
besondere gefälligkeit des Postdirektors meine Abreise auf den courier vom
13. märz, um so mehr als ein finanzielles geschäft, welches mich, wie ich
glaubte, schon am 15. märz nach Wien rufen würde, nunmehr erst im April
an die reihe kommen wird. den urlaub habe ich, oder bekomme ihn doch in
diesen tagen, und so bin ich in dieser Beziehung beruhigt.
Wegen meiner reisepläne bin ich nun in vollem eifer und thätigkeit,
studire, lese, schreibe etc., und was mehr als das ist, überlege mir genau
und unablässig, wie und was ich in Wien thun und reden soll, um das ge-
wünschte zu erlangen. gott gebe dem unternehmen fortgang. ich habe mo-
mente der hoffnung, wie ich welche des kleinmuthes habe.
von hoffmann1 noch immer keine Antwort. Zu allen meinen gedanken
und Beschäftigungen ist jetzt eine neue gekommen. das alte lehen unserer
familie, um welches mein vater solange fruchtlos prozessirte, schloß Wer-
burg in tyrol, ist nun von der regierung ausgerufen, d.h. die Anwärter wer-
den einberufen, und obwol ich mir selbst im besten falle da wenig pekuni-
1 gemeint ist Julius campe, der inhaber des verlags hoffmann & campe in hamburg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien