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ären vortheil erwarte, habe ich doch einige schritte gethan, um wenigstens
erkundigungen darüber zu sammeln. doch interessiren mich derley dinge
jetzt, am vorabende einer entscheidung über das, was mir das wichtigste
ist, sehr wenig.
clotilde schrieb mir neulich, sie erwarte stündlich Brockhausen, von dem
sie bereits einen Brief aus münchen, wo er sich ein Paar tage aufhält, erhal-
ten hat, sonst sagt sie mir nichts darüber, überhaupt hat sie eine unglück-
liche Zurückhaltung in ihren Briefen, die sie, wie sie mir selbst sagte, nicht
überwinden kann, ihr leben schildert sie mir als recht animirt, die Zahl ih-
rer täglichen Besuche vermehrt und verändert, charles Poniatowsky und
montenegro unter ihren neuen Anbethern, desto besser, denn je zerstreuter
sie ist, desto weniger hat sie Zeit, vielleicht aus bloßem mitleiden Brockhau-
sen wieder gut zu werden, und ich denke, daß dieser Besuch, der ihr sehr
beschwerlich fällt, einen vollständigen officiellen Bruch herbeyführen kann,
denn er ist voll eitelkeit, und sie liebt ihn nicht mehr, doch wer kann ein
weibliches herz ergründen?
unter diesen umständen bin ich neugierig zu sehen, welche rolle mir be-
schieden bleibt? sehr leid thäte es mir, wenn unser rendezvous im sommer
zunichte würde, doch glaube ich es nicht, denn daß sie mich liebt, dessen
bin ich zu gewiß, et elle n’est pas femme à changer si vite, eher noch wäre
es möglich, daß sie Brockhausen ménagirt, und wie er weg ist, wieder zu
mir zurückkehrt, und sonderbar, ich ließe mir das gefallen. unser leben di-
vergirt ohnehin so sehr auseinander, und ich kann daher von ihr nichts als
glückliche momente, aber kein fortdauerndes glück erwarten.
ich lese jetzt mit vielem interesse die verhandlungen in der französischen
kammer über die Adressen sowie über die incompatibilitäten motion des
h. ganneron und die des h. ducos auf erweiterung des Wahlrechtes. die
franzosen scheinen nach und nach von ihren hohlen deklamationen zurück-
zukommen und praktischer werden zu wollen. sie scheinen anzufangen es
einzusehen, wie wenig gehalt in ihrem öffentlichen charakter, wie wenige
Bürgschaft der stabilität in ihrem politischen Zustande sey, und daß die-
ser tödtliche krebsschaden in der allgemeinen stellenjägerey, welche immer
eine verderbliche haltungslosigkeit im charakter hervorbringt, vornehm-
lich aber darin liegt, daß die classen der gesellschaft, die durch geburt, Be-
sitz und sociale stellung die ausgezeichnetesten sind, sich von der regie-
rung und dem öffentlichen leben zurückziehen. dieses ist meiner meinung
nach der größte übelstand der französischen Zustände, und in diesem sinne
haben besonders tocqueville, lamartine und Andere beherzigungswerthe
Worte gesprochen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien