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Mai 1842
Prag ist hier wegen der Wettrennen, und auch sonst mehrere fremde, die
alten Bekannten und mit ihnen die alte Zeit und die alte enggeistigkeit keh-
ren wieder, und es weht mich ein hauch dummer heimathsluft an, welche
die in fremden himmelsstrichen großgewordenen Blüthen freyerer höherer
gedanken in mir ersticken möchte, aber gott sey dank, dazu bin ich zu alt
und zu wenig hier eingebürgert, und doch ist mir zuweilen, als setzte ich
unwillkürlich etwas von dem allgemeinen roste an und wundere mich dann
über meine eigenen Pläne und gedanken, die so sehr in Widerspruche mit
denen sind, welche auf den mistbeeten meiner umgebungen keimen. die ge-
fährlichsten Bundesgenossen dieser letztern aber sind die erinnerungen an
längst vergangene Zeiten, welche mir hier beym Wiedersehen von menschen
und dingen aus jenen Perioden doppelt lebhaft auftauchen, und in denen ich
doch, wenigstens kömmt mir dieß jetzt so vor, so glücklich war, daß ich sie
wieder von vorne anfangen möchte. ruhe ist denn doch auch ein ganz großes
glück, doch muß man dafür empfänglich seyn, und leider bin ich dieses nicht
oder doch nur auf kurze Augenblicke, und dann kehrt gleich wieder die alte
Wildheit in mir zurück. könnte ich an einem ruhigen, gewöhnlichen leben
gefallen finden, um wie viel besser wäre mir!
Apropos de cela, clotilde hat mich wohl ganz vergessen, die gebe ich nun
auf, ich höre, Brockhausen ist seit seiner krankheit noch immer dort, und
also bey ihr, und auf alle meine Briefe hat sie mir nicht geantwortet, das
that sie selbst ehe unser verhältniß anfing, da sie noch in der schweiz lebte,
nie. Wieder ein Blatt mehr in der kenntniß des weiblichen herzens.
[Wien] 5. mai Abends
Am 2. dieses monats ging ich zum grafen szecsen, erzählte ihm wie meine
sachen stünden, kübecks ablehnende Antwort so wie geringer’s nachträg-
liche Äußerungen, die dann doch wieder einigen trost geben, mittrowsky’s
versprechen, meinem urlaubsgesuche kein hinderniß in den Weg legen
zu wollen, und endlich fürst metternichs geneigtheit meinem unterneh-
men förderlich zu seyn, sowie die schritte, die ich bey ihm deßwegen gethan
hätte. das ende alles dessen war, daß ich ihn bath, Baron kübeck dahin zu
stimmen, daß er, wenn er vom fürsten darüber befragt würde, so günstig als
möglich für mich sprechen wolle, und er versprach mir das und wird es, wie
ich überzeugt bin, halten. mein vertrauen zu ihm scheint ihm zu schmei-
cheln, und die sache selbst interessirt ihn, so wie ich auch hoffen darf, ihm
von mir eine vortheilhafte idee gegeben zu haben.
endlich ist von öttl eine Antwort gekommen, aber nicht sehr tröstlich.
graf stadion ließ Anfangs ein Wort über meine Jugend fallen und meinte
dann, von Amerika her ließe sich nicht viel heil für unsern handel erwarten,
wohl aber würde er eine reise nach ostindien unterstützen, da er diese für
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien