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Tagebücher302
nehmung seyn würde, dagegen versprach ich ihm einen andern Aufsatz über
irgend einen gegenstand als Probearbeit.
mit diesen und ähnlichen gesprächen wurde es 1/2 7 uhr, als wir wieder
in meinen gasthof kamen, wir nahmen daher herzlichen Abschied, wobey
ich ihm versprach, vor meiner großen reise noch einmahl nach Augsburg zu
kommen, und dann eilte ich auf die eisenbahn, fuhr um 7 ab, war um 1/2 10
in münchen und eine halbe stunde darauf mittelst eines schlechten omni-
bus wieder in meinem gasthofe, und so schloß dieser genuß- und ereignisrei-
che tag.
[münchen] 27. mai
gestern in aller frühe war schon vor meinen fenstern ein heilloser lärmen:
truppen, etwas schlechter aussehend als die seiner heiligkeit, miliz, türki-
sche musik, fahnen etc., alles des frohnleichnamsfestes wegen, das ganze
Zeug schien mir ziemlich kleinstädtisch, so wie mir überhaupt münchen im-
mer, und jetzt mehr als jemals, wie eine Provinzialstadt vorkommt, die über
ihre sphaere hinaus möchte, ein Zwerg, der sich auf die spitzen stellt. um
10 uhr begann die Prozession vor meinen fenstern vorbey, Bruderschaften,
Zünfte, schuljugend etc. ohne ende, und zuletzt in Abwesenheit des königs
der kronprinz und Prinz luitpold. Als gegen 12 uhr der spektakel aus war,
ging ich zu irène Arco, wo ich aber eine unzahl leute fand, die bey ihr den
umgang angesehen hatten und nun dort dejeunirten. diese unbekannte
foule, wiewol, wie irène mir später sagte, mehrere alte Bekannte von mir
darunter waren, gênirte mich, und nachdem ich mit ihr, Arthur und Julie
Parry, mit welcher wir die reise von Wien hieher gleichzeitig gemacht und
uns unterweges öfters gesprochen hatten, einige Worte gewechselt hatte,
schlich ich mich davon, flanirte in den straßen herum, machte ein Paar
blinde visiten bey méjan, Anton etc. und langweilte mich sehr, zum ersten
mahle seit ich auf urlaub bin, im hofgarten traf ich später wieder irène mit
einer gesellschaft, darunter meinen alten Wiener Bekannten Witgenstein
und seine frau, eine sehr amusante und distinguirte frau, engländerinn
von geburt. Als die damen weg fuhren, stieg ich Anfangs mit Arthur und
Witgenstein, der uns seinen stall producirte, und dann mit Arthur allein
herum, rauchte später bey ihm eine Pfeife, aß dann zu hause ganz allein
und ging später ins theater, wo man die sonnambula von Bellini écorchirte,
dort saß ich bis zu ende bey irène in der loge und fuhr nach dem theater
mit ihr, oder eigentlich ihr nach, da mich mein Wagen warten ließ, zum sar-
dinischen gesandten Pallavicini, dessen tag heute war. das war besser als
nichts, aber doch ziemlich langweilig, ich traf dort theils schon bekannte
leute als Julie Parry, gräfin Witgenstein, etc., theils erneuerte ich ehema-
lige Bekanntschaften, mit gräfin lapérouse, frau Baronin hennin, beyde
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien