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Juni 1842
den frühlinge in italien bleiben. Zwey scandaleuse geschichten machen ge-
genwärtig den haupt-gossip in italien aus: die entführung der miss Jones,
schwester lord ranelagh’s, der gräfin rechberg, und der ältern miss Jones,
die mit gabrielle von venedig her sehr liirt ist, durch einen römischen vet-
turino, den sie nun auch geheirathet hat, und die Arrêtierung einer preußi-
schen Baroninn, die in den römischen kirchen marmorstückchen abbrach,
en amateur, und ohne des Prinzen friedrich verwendung wohl auf die ga-
leeren gekommen wäre.
corvaja soll sich in Paris aus verzweiflung über die schlechte Aufnahme
seiner Weltverbesserungspläne ertränkt haben, wenigstens ist er seit an-
derthalb monathen spurlos verschwunden.1
[mailand] 26. Juni
es ist unglaublich, wie einförmig und langweilig wenigstens in der gegen-
wärtigen saison einem hier die tage verfließen,– das einzige gute, was mai-
land jetzt an sich hat, ist, daß es trotz alles ennuy’s durchaus nichts klein-
städtisches hat, sondern immer eine große stadt ist und scheint, dieses aber
abgesehen, weiß man wirklich nicht, was man mit seiner Zeit anfangen soll,
wenn man nämlich das Zuhause bleiben oder seine Berufs- und sonstigen
geschäfte einmahl satt hat. Was mich besonders unangenehm afficirt, ist
der gänzliche mangel an umgang mit menschen, wo es nur halbwegs der
mühe lohnte, den mund zu öffnen. die deutsche, oder militairische cotterie,
hier sind diese beyden Ausdrücke synonym, in die ich nothgedrungen hinein
gerathen bin, ist ein jämmerliches ewiges Auf- und Abzählen der ranglisten,
Agentennachrichten, von Avancements, Anekdoten aus den türkenkriegen
und dergleichen angenehmer conversationsgegenstände, die hiesige, mai-
länder Welt aber steht noch um viele stufen niedriger und für einen deut-
schen so gut wie unzugänglich, übrigens sind mir die herren, die sie con-
stituiren, auch meistens persönlich unangenehm, fremde gibt es nicht, die
wenigen menschen, die sich hier mit der litteratur beschäftigen, sind fast
durchgehend ganz ungenießbar, und zudem verträgt sich meine ganze stel-
lung nicht mit einem näheren umgange mit ihnen, und so bin ich denn ver-
urtheilt, mich in single blessedness zu langweilen.
ich vergrabe mich jetzt in reisewerke und landkarten, welche America
betreffen, und habe in dieser letzten Zeit wieder mehrere Briefe in Bezug auf
meine reise geschrieben. gestern sprach ich lange darüber mit salm, der
1 der utopische sozialreformer guiseppe nicola corvaia (corvaja), der 1841 von mailand
nach Paris übersiedelt war, war nicht gestorben, sondern nach marseilles gezogen. siehe
auch Eintrag v. 31.8.1841 und zu seinem Leben den Artikel in Dizionario Biografico degli
italiani. Bd. 29 (rom 1983) 811–817.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien