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Tagebücher320
obwohl ich darauf gefaßt war. selbst davon anfangen wollte ich fürs erste
noch nicht.
die oper hat angefangen, ziemlich gut, und hat mir ein paar recht ange-
nehme Bekannte zugeführt, demoiselle Berndis (hier Bendini) und schwe-
ster aus hamburg, die bisher in Wien am kärnthnerthore sang, recht hüb-
sche, gebildete und liebenswürdige mädchen, zu denen ich sehr häufig und
gerne gehe, ich möchte mich für die Paar noch übrigen monathe meines
hierseins gar zu gerne irgendwo verlieben, aber es geht noch immer nicht,
das herz ist zu ledern geworden.
eine neue vielleicht nicht erfolglose verbindung habe ich diese tage
hier angeknüpft mit einem der matadors des triester handels, herrn ha-
genauer, er versprach mir seine ganze thätige Beyhülfe, meinte aber, ich
möchte jedenfalls vor meiner Abreise auf 8–10 tage nach triest kommen,
wo ich wenigstens an faktischen materialien mehr einsammeln würde als
irgendwo anders, er hält sehr viel auf die Wichtigkeit der mit America ein-
zugehenden handelsverbindungen und den großen vorschub, den die regie-
rung hierin durch Ausforschung jener länder und errichtung von consu-
laten gewähren könnte, obwohl er auch andererseits nicht minder auf den
handel mit ostindien oder eigentlich mit egypten, wenn die ostindischen
Produkte ihren alten handelsweg über suez werden gefunden haben, große
stücke hält. vor der hand wird nun in london unterhandelt, die ostindische
Post statt über marseille über triest gehen zu lassen.
man sagt seit einigen tagen, daß mittrowsky staats- und conferenzmini-
ster werden und taaffe sein nachfolger seyn dürfte,1 es wäre wohl Zeit, daß
der alte esel einmahl abgeschafft würde, es ist eine schande und zugleich
ein ruin für oesterreich, daß man solch einen Popanz solange in einer so
hohen stellung duldete.
in Padua sind unter den studenten wieder politische umtriebe entdeckt
und verhaftungen vorgenommen worden.
[mailand] 26. August
vor drey tagen kam mein Buchhändler Welsch (eigentlich tendler und
schäfer2) ganz triumphirend zu mir, um mir einen so eben erhaltenen Brief
von campe zu bringen. dieser schrieb, das manuscript sey nicht verbrannt,
sogar schon zum größten theile gedruckt, ja er habe es schon für die verflos-
1 graf Anton friedrich mittrowsky starb wenige tage nach diesem eintrag am 1.9.1842,
sein nachfolger als obersthofkanzler wurde graf karl inzaghi, graf ludwig taaffe blieb
Präsident der obersten Justizstelle und der hofkommission für Justizgesetzsachen.
2 karl gustav Welsch leitete die mailänder filiale und war 1846–1853 teilhaber des Wiener
verlags tendler & schäfer (vor 1838 und wieder seit 1846 tendler & co.).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien