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Tagebücher324
den sollten. durch das Beyspiel marseille’s, welches im Jahre 1817 auf eige-
nes Bitten aufhörte, ein freyhafen zu seyn, wurde nachgewiesen, wie groß
der vortheil für jene häfen selbst, des ganzen Zollgebiethes nicht zu geden-
ken, seyn würde. die einzigen schwierigkeiten hierbey, wurde gesagt, seyen
zu finden: in der ungleichen consumtionsfähigkeit zwischen oesterreich
und deutschland, daher ein maaßstab zur vertheilung der Zolleinkünfte
fehlte, und diesem könne vorerst nur durch einstweilige Beybehaltung der
Zolllinien abgeholfen werden, ich aber meine, es gäbe manch anderes und
besseres mittel dagegen, in der großen runkelzuckerproduktion oester-
reichs zum schaden des Zollvereines, wofür er eine consumtionssteuer vor-
schlägt, endlich in österreichs tabaksmonopol, welches daher im falle eines
Anschlusses, wie er vorschlägt, in sämmtlichen vereinsstaaten eingeführt
werden müßte.
sonst gibt es wenig interessantes in den Blättern: in england sind die Ar-
beiteraufstände fürs erste beygelegt, in frankreich keifen die Journale noch
immer ums regentschaftsgesetz. merkwürdig bleibt immerhin, daß 1788 in
england, wie jetzt in Paris, die Anhänger der streng monarchischen Partey,
damals Pitt, jetzt die legitimisten, für eine Wahl- und die konstitutionellen
für eine erbliche regentschaft waren. ich halte die letztere für ein unding,
um so mehr als ein allgemeines gesetz hierüber weder nothwendig ist, noch
einen Bestand verspricht. indessen fängt der herzog von nemours an, von
den regierungsblättern gelobhudelt zu werden, daß es einen ekelt.1
in stuttgart sitzt ein Zollcongress von regierungsräthen – o Bureaukra-
tie, du fluch und krebs unseres Jahrhunderts und namentlich deutsch-
lands! – aus rußland schreibt man die abenteuerlichsten geschichten von
verschwörungen und Attentaten, und so spinnt sich der mürbe faden der
Weltgeschichte fort.
[mailand] 8. september
ich erstaune und betrübe mich oft über die dürre und leere, die sich nach
und nach in meinem gemüthe festsetzt. so eben blätterte ich in meinen al-
ten Papieren und fand da manche herzensergießung aus früherer Zeit, wo
ist jene poëtische, wiewohl trübschwärmerische lebensansicht hingekom-
men? ich fühle so gar keinen enthusiasmus, keine Poësie mehr in mir, und
das betrübt mich, denn ich lechze nach einer solchen stimmung wie thau-
tropfen auf verdorrte lippen. nicht einmahl für die ideen, die mich nun
fast ausschließlich beschäftigen, so großartig sie auch seyn mögen, fühle ich
1 louis charles d’orleans herzog v. nemours war seit dem tod seines Bruders ferdinand
Philippe herzog v. orleans am 13.7.1842 als nunmehr ältester lebender sohn von könig
louis Philippe potentieller thronfolger.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien