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November 1842
[mailand] 5. november
der triester handelsstand beabsichtigt, eine mission nach ostindien zu
senden, um die dortigen handelsverhältnisse zu erforschen, ob sich eine
nähere handelsverbindung mit oesterreich anknüpfen ließe. das ist wohl
stadion’s Antrieb, da ich weiß, daß seine ideen und erwartungen vornehm-
lich nach ostindien gehen. diese kann ich in keiner Beziehung theilen,
nicht in kommerzieller, weil ich es für rein unmöglich halte, dem engli-
schen handelsmonopole gegenüber auch nur einen halbwegs erträglichen
fuß in indien zu fassen, weil wir zudem dahin keine Produkte abzusetzen
hätten, nicht urprodukte, die sie selbst in fülle erzeugen, nicht manufak-
turen eben der englischen concurrenz wegen, weil derselben concurrenz
wegen die Ausfuhr der dortigen urprodukte direkt nach unseren häfen
nie bedeutend seyn wird, endlich weil unsere direkte schifffahrt durch den
handel nach indien keinen großen Aufschwung erfahren kann, da der neue
handelsweg über suez uns im besten falle nur bis Aegypten geöffnet seyn
würde. Wie ganz anders und besser gestalten sich alle diese verhältnisse
im falle eines ähnlichen versuches mit America!
ich habe heute an Waldstein in triest geschrieben, er möchte mit stadion
über meine Pläne sprechen und ihn fragen, ob es ihm angenehm wäre, dieß-
falls ein mémoire von mir anzunehmen und es dann bey kübeck zu unter-
stützen, hinzufügend, daß in diesem falle kübeck, welcher meine Anträge
schon vorher so beyfällig aufgenommen hätte, gewiß auch ein unbedeuten-
des geldopfer nicht scheuen würde, um meine Pläne zu verwirklichen. ich
trete daher nun mit meinem Begehren einer pekuniairen unterstützung of-
fen hervor, jetzt ist es Zeit. erzherzog stephan wird nun wohl bald gespro-
chen haben, und so dürfte die entscheidung nahen, die ich hiemit vorberei-
ten will.
Auch schreibe ich vielleicht diese tage an hagenauer in triest, um durch
ihn auf die öffentliche meinung im dortigen handelsstande zu wirken und
allenfalls von dieser seite eine scheinbar unprovocirte demonstration zu
meinen gunsten hervorzurufen. diese tage war gustav höfken hier, ver-
fasser eines Werkes über den spanischen Bürgerkrieg und kürzlich eines
anderen über den Zollverein1 so wie mehrerer Aufsätze über diesen gegen-
stand in der deutschen vierteljahrsschrift etc. und mitredacteur der Allge-
meinen Zeitung. Wir verfehlten uns durch eine reihe von Zufällen während
der zwey tage seines Aufenthaltes bis zu dem Augenblicke, da er in die di-
ligence stieg, um nach Augsburg zurückzufahren. da konnte ich dann nur
ein Paar Worte und förmlichkeiten mit ihm wechseln und mir das übrige
1 Gustav Höfken, Tirocinium eines deutschen Offiziers in Spanien. 4 Bde. (Stuttgart 1841);
ders., der deutsche Zollverein in seiner fortbildung (stuttgart 1842).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien