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Jänner 1843
unserer industrie, machen, um diese zu studiren und mir die nöthigen tech-
nischen kenntnisse und daten zu erwerben.
Alles dieß ist nun freylich sehr günstig und aufmunternd, aber doch
ist es nicht genug, um mich zu bewegen, so stracks nach Wien abzureisen
und eine 2. Auflage meines vorjährigen Aufenthaltes daselbst zu liefern.
nebstdem bin ich entschlossen, mich jetzt nicht mehr auf den fuß eines
Bittenden zu stellen, welcher Protektion sucht und um etwas bettelt, was
allein ihm zu guten kommen soll, sondern ich will als Jemand auftreten,
der einen vorschlag macht, welcher anerkanntermaßen ein nützlicher und
folgenreicher ist, der das ganze berührt und nicht ihn allein, und daher
Aufmerksamkeit und unterstützung erwartet und fordert.
ich schrieb daher sogleich nach Wien an erzherzog stephan, wiewohl
nur indirect, theilte ihm stadions Ansichten mit und verlangte, ehe ich
nach Wien abreise, Antwort über folgende Punkte: 1. ob man in Wien
mit stadion’s überzeugung von der gemeinnützigkeit meines unterneh-
mens einverstanden sey? 2. ob man mir in diesem falle, und im falle, daß
stadion günstig berichtete, die verlangte geld-unterstützung bewilligen
werde?
darauf erwarte ich nun Antwort, von welcher meine weiteren schritte
abhängen werden.
ein umstand, der auch gerade erwünscht zusammentrifft, ist, daß ich
eben jetzt im Begriffe stehe, Papariano an die Brüder Bregart zu verkaufen.
Gräfinn Delmestry hat diese Unterhandlung sehr geschickt geführt, und
wir sind nun bereits so gut wie handels einig.
ich habe nun durch einige tage an der correctur der bewußten schrift
Behufs einer 2. Auflage gearbeitet. Manches hätte ich gerne umgearbei-
tet, besonders wo ich von der industrie, dem handel, dem Zolltariffe etc.
oesterreichs spreche, in welcher hinsicht meine Begriffe seit anderthalb
Jahren eine starke veränderung erlitten haben (so z.B. wird an einer stelle
gesagt, daß oesterreich besser gethan hätte, eine kornkammer für europa
zu werden als eine künstliche industrie zu schaffen), doch unterließ ich es
aus mancherley rücksichten: erstlich einige faulheit und Abnahme an in-
teresse für eine solche Arbeit, dann eine scheu vor den widersprechenden
Äußerungen, welche eine solche durchgreifende Änderung hervorgerufen
hätte, endlich und zwar als hauptgrund die Betrachtung, daß ich, wenn ich
einmahl angefangen hätte, an dem Buche zu rühren und zu richten, mich
lieber gleich an eine totale umarbeitung hätte machen müssen, wozu es
mir an Zeit und lust gebrach. ich beschränkte mich daher auf die correc-
tur der druck- und einiger stylfehler.
immer die alte leyer sonst, brillante theater, taglionisten und cerri-
tisten, wüthende Partheyungen etc., dazwischen hie und da ein Ball im
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien