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Februar 1843
da und dort soi-disants kinderbälle etc. die neue oper von verdi erregt wah-
ren furore, und ich gestehe, nie etwas schöneres gehört zu haben, oft gibt es
dann großen lärmen im theater, weil man gesangstücke wiederholen las-
sen will, was nicht zugelassen wird, während es den tänzerinnen (taglioni
und cerrito) erlaubt wird, darüber großen lärmen, sousparlers etc. ich ma-
che es mir zu regel, nie über theatergegenstände zu streiten, denn es ist
merkwürdig, wie leicht die leute da feuer fangen, als wäre dieses der wich-
tigste gegenstand auf erden, ich hatte letzthin ein paar ähnliche discussio-
nen mit Appel und Pachta, welche so heftig wurden, daß ich mir vornahm,
künftighin ähnlichen auszuweichen.
im casino begrüßte mich neulich ein Bekannter, der mich seit 10 Jahren
nicht gesehen hatte: graf Bielinski, ehemaliger polnischer senator, welchen
ich 1831, 1832 und 1833 viel in Prag und Wien gesehen hatte, damahls war
er, obwohl keineswegs exaltirt, doch noch von der kaum verklungenen ca-
tastrophe seines vaterlandes aufgeregt, jetzt scheint er seinen Bauch mit
offenbarer hintansetzung des königreiches Polen gepflegt zu haben.
elise Berndis soll nach spanien kommen und schreibt mir eine unzahl
Briefe um Beystand und hülfe, das wird langweilig, übrigens kömmt sie
nächstens hier an, da in turin das theater mit dem fasching, d.i. am 28.
dieses monats aufhört.
in Padua hat es einen studentenkrawall gegeben, wo das militär ein-
schreiten und feuern mußte, wobey einige verwundet wurden. veranlassung
dazu gab ein subscriptionsball, von welchem die studenten ausgeschlossen
worden waren.
die französischen und englischen Journale sind nun schon seit 3 tagen
ausgeblieben in folge der hohen Wässer in den Alpen. ich erwarte alle tage
die Ankunft der 2. Auflage von „oesterreich und dessen Zukunft“, dieses ist
gegenwärtig der einzige angenehme lichtpunkt für meine gedanken, neu-
lich wurde erzählt, die regierung habe sämmtliche noch übrigen exemplare
der 1. Auflage aufgekauft.
es ist, als ob das schicksal manchmal es wirklich darauf anlegte, die
menschen verrückt zu machen. vor einer Woche standen 3 verbrecher, wor-
unter ein junger hiesiger mediziner von gutem hause und vermögen, auf
der schandbühne, da sie wegen raubmord zu 20jährigem schweren kerker
verurtheilt worden waren. da dieses faktum einige sensation erregte, so
versäumten die abergläubischen lotteriespieler (deren es hier im gemeinen
volke eine unzahl gibt) nicht, die betreffenden nummern: 2 (Jahre der cri-
minaluntersuchung) 3 (Zahl der verurtheilten) 26 (Alter des hauptschul-
digen) 20 (strafdauer) und 90 (große menschenmenge, wegen des Zusam-
menlaufes) zu setzen, und richtig kamen alle 5 nummern heraus, so daß
ungeheuere gewinnste gemacht wurden. heute war nun die nächste Zie-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien