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April 1843
gewisse menschen können doch gar nichts geschickt angreifen! der arme
erzherzog carl ferdinand ist in Wien und sterbend, er hat die gallopirende
lungensucht, und noptsa reist diesen Abend ihm nach. das wird die erste
und einzige hoftrauer seyn, die ich mit Wahrheit tragen werde, denn es war
bey allen seinen Jugendthorheiten ein vortrefflicher, liebenswürdiger Prinz.1
natalie Palffy ist dieser tage hier durch gereist, hielt sich anderthalb
tage hier auf und ließ mich nicht rufen. das ist doch schwarzer undank, ich
erfuhr es erst, als sie schon fort war, und es that mir leid, sie nicht gesehen
zu haben, erstlich weil sie mich trotz oder wegen ihrer dummheit amusirt,
und dann weil ich mir gerne hätte geschichten aus neapel erzählen lassen.
clementine mocenigo ist hier und bleibt den sommer über, sie ist, obwohl
sehr abgemagert, doch ganz hübsch, und es würde ganz der mühe werth
seyn, ihr den hof zu machen. hans carl dietrichstein ist nun auch wieder
aus rom und neapel zurück, wo er seine reisegefährtinn catherine Pereira
begrub, die ich noch vor 2 monathen hier gesehen hatte. neapel war diesen
Winter fatal für die oesterreicher: 2 frappante todesfälle, diesen und lotte
kinsky. c.P. hatte eine ganz wunderbare Ahnung, als sie mit ihrem manne
in neapel ankam, begegnete sie dem leichenwagen einer jungen schönen
fürstinn trubetzkoi, welche ihr mann nach rußland zurück führte, da warf
sie sich dem ihrigen in die Arme und rief: so wirst du mich bald führen, und
so geschah es.
hier ist jetzt eine schlechte französische komödie, und ich habe mit taxis
leider eine loge genommen, es lohnte wahrlich der mühe nicht. ebenso öde
und traurig ist die scala trotz meiner schönen protégée malvani, überall re-
miniscenzen an vergangene herrlichkeiten, hier an die frezzolini, taglioni
(welche übrigens endlich mit vieler noth zu ihrer médaille gekommen ist)
und cerrito, dort an die deliciose taigny.
gabrielle, welche jetzt bey der Abwesenheit der erzherzoginnen vacanzen
hat, braucht nun eine vollständige cur ihrer leberbeschwerden wegen, sie
lag ein Paar tage im Bette und kann noch wenig, zu fuße gar nicht, ausge-
hen.
ich bin in diesen tagen mit genauer noth und nicht ohne geldopfer ei-
nem verhältnisse mit einer übrigens recht hübschen Person (eugenia n.)
entkommen, welches man mir auf den hals zwingen wollte. ich habe eine so
unwiderstehliche Abneigung davor, mich in irgend einer hinsicht zu binden,
daß ich schon aus dieser einen ursache vor dem métier eines entreteneurs
zurückschrecke, und so auch dieses mahl, obwohl ich die Person schon seit
länger her kannte und sie mir ausnehmend wohl gefiel. das sind üble dispo-
sitionen für den ehestand.
1 erzherzog karl ferdinand überwand die krankheit, er starb erst 1874.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien