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August 1843
nicht, wie ich meine Bagage über die Berge bringen soll, da ich jedenfalls
nach lucern möchte, und mir der umweg über genf und Bern doch zu weit
ist.
im theater ré ist jetzt eine allerliebste junge prima donna, signora Zoja,
welche Donizetti’s Fille du régiment ganz vortrefflich gibt und besonders
hübsch trommelt, marschirt, exerciert etc. ich habe wieder meine kleine
loge hinter den koulissen und an Zuspruch keinen mangel.
frutigen (Berner oberland) 4. August Abends
von meinen letzten tagen in mailand ist nicht viel zu erzählen, als daß
ich vollauf zu thun hatte, um mein haus zu bestellen etc. Am letzten tage
hatte ich noch die schwestern Berndis bey mir zum frühstücke und über-
gab sie hiermit ihren weiteren schicksalen. elise ist nach triest engagirt,
und Auguste kehrt nach Wien zurück, um sich weiter zur schauspielerin
auszubilden.
Auch wegen meiner transatlantischen Projekte brachte ich Alles in die
möglichste ordnung, indem ich noch im letzten Augenblicke an oettl schrieb
etc., mit spaur konnte ich trotz meines vorsatzes nicht reden, sprach aber
dafür lange mit seinem Praesidialsekretär kolb über diesen gegenstand
und fand bey ihm (gegen meine erwartung) einen weit offeneren kopf als
den seines chefs, was freylich sehr wenig sagen will.
und somit fuhr ich in der nacht vom 31. auf den 1. um 1 uhr nach mit-
ternacht von hause weg, machte in der morgendämmerung, während die
Pferde rasteten, einen spatziergang nach dem eine kleine stunde von der
straße entfernten Busto Arsizio, und war gegen 9 uhr in sesto calende.
dort ließ ich mich überreden, eine Barke zu nehmen, um nach Arona zu
fahren. Wir waren eben kaum auf halbem Wege und aus dem ticino in den
lago maggiore eingefahren, als sich ein entsetzliches ungewitter erhob,
welches uns endlich zwang, ans ufer zu steuern und in einem wenige hun-
dert schritte entfernten piemontesischen Zollhäuschen schutz zu suchen.
nach einer stunde klärte sich das Wetter auf, und ich gelangte ohne weite-
ren unfall nach Arona.
nachmittags um 1/2 3 uhr, nach endlosem herumziehen und Zeitver-
tändeln, fuhr endlich die misérable Piemontesische malle-poste ab, welche
mich bis domo d’ossola bringen sollte, schlechte Pferde, noch schlechtere
Postillons, zu lange Posten und unaufhörliches Anhalten. die gesellschaft
war passable, ein dänischer gentleman mit einer rothbackigen dicken frau,
die aber immer dem verscheiden nahe zu seyn behauptete, wie es scheint
neuvermählte, wenigstens nach der unendlichen Zärtlichkeit zu schließen,
ein norddeutscher junger dr. medicinae und schöngeist, etwas von einem
Juden, aber recht witzig und unterhaltend, endlich ein ganz junges Bürsch-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien