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August 1843
ideen von exklusivem eigenthum aufzugeben. doch sind, wie in allen die-
sen systemen, hie und da genieblitze und überraschende Wahrheiten.
die verhandlungen im Zürcher rathe sind bisher dahin gediehen, daß
die theilnehmer, die keine inländer sind, über die grenze gewiesen wur-
den, jedoch zum großen Ärger der diplomaten ohne den respectiven ge-
sandtschaften signalisirt zu werden. Weitling sitzt noch und ist unter ge-
richtlichem Prozeß.
im Allgemeinen scheinen die conservativen aller kantone sehr niederge-
schlagen über das beständige Anwachsen an macht der radikalen, welche
weit rühriger sind als sie. diese wollen größere centralisation der schweiz
und Aufhören der kantonalen Absonderungen, und ebendeßhalb sind die
conservativen dagegen, und doch scheint mir darin allein die Zukunft der
schweiz zu liegen, denn mit den jetzigen spießbürgerlichen miserabilitäten
kann es nicht mehr lange währen.
gestern traf ich tengoborski hier, der von Paris nach Wien zurückkehrte,
er war in Paris gewesen, um dort, wie er mir sagte, ein Werk erscheinen zu
machen, welches er über die finanzen oesterreichs und Preußens geschrie-
ben hat.1 marmont, der es im manuscript gesehen hat, versicherte mich,
daß es ein sehr ausgezeichnetes Buch sey, ich muß es mir verschaffen.
heute auf der rückfahrt von flüelen fand ich Baron denois, französi-
scher generalconsul in mailand, er sagte mir, daß die viceköniginn end-
lich vorgestern Abend nach Wien abgereist sey, das überraschte und freute
mich zugleich, gabrielle’s wegen.
Baden-Baden 14. August Abends
freytag am 11. Abends verließ ich lucern und fuhr mit dem eilwagen über
sursee und liestal nach Basel, wo ich morgens um 8 uhr ankam und im
Wilden manne, einem sehr mittelmäßigen gasthofe, abstieg. ich war ganz
überrascht, Basel seit 1839 so sehr zu seinem Vortheile geändert zu finden,
besonders hinsichtlich der äußerst eleganten Ausstattung der läden. die
stadt scheint in großem Aufschwunge begriffen zu seyn, ein Basler, mit
dem ich darüber sprach, schrieb dieses der revolution von 1831 und der
hierdurch erfolgten trennung von stadt und landschaft zu,2 indem wie er
1 louis (ludwik) de tegoborski [sic], des finances et du crédit Public de l’Autriche, de
sa dette, de ses ressources financières et de son systeme d’imposition: Avec Quelques
Rapprochemens Entre Ce Pays, La Prusse Et La France (Paris 1843); deutsche Überset-
zung Über die Finanzen, den Staatscredit, die Staatsschuld, die finanziellen Hülfsquellen
und das steuersystem österreichs nebst einigen vergleichungen zwischen diesem lande,
Preußen und frankreich (Wien 1845).
2 die kämpfe um eine neue verfassung für den kanton Basel führten schließlich 1833 zur
vollständigen trennung in die kantone Basel-stadt und Basel-landschaft.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien