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September 1843
darstellungen, das eine die klosterkirche zu Assisi, wie es darin nach und
nach Abend wird, die lichter angezündet werden, das volk hereinströmt,
die glocken läuten und messe gelesen wird, bey orgelton und glocken-
klang, die andere eine Alpengegend bey nacht, der sonnenaufgang und
das allmählige erwachen der natur. Besonders schön und ergreifend war
die erste Darstellung. Nachher sahen wir den Telegraphen, flanirten in
der stadt umher, gingen in einige elegante gewölbe, machten verschie-
dene einkäufe etc. die Auslagen der läden ist [sic] hier ganz besonders
schön, besonders gehoben durch die großen spiegelfenster, und neben
den einheimischen findet man da auch alle französischen und englischen
Waaren. um 1/2 3 aßen wir zu hause, und dann fuhr ich mit gabrielle
durch den thiergarten nach charlottenburg, gingen dort in dem Park
spatzieren, welcher wirklich sehr schön ist, und fuhren dann zurück und
ins königstädter theater. dort gab man lucia di lammermoor recht gut,
meine alte Freundin Malvani gefiel recht wohl. Das Theater ist weit hüb-
scher und freundlicher als das finstere, häßliche schmutzige Schauspiel-
haus.
im theater fand gabrielle einen Bekannten, den neapolitanischen ge-
sandten Antonini, er wollte uns durchaus nicht mehr loslassen, führte uns
nach dem theater in seinem Wagen zu kranzler ein gefrorenes nehmen,
und trank dann bey gabrielle den thee.
gestern früh 1/2 6 ging ich noch auf einen Augenblick zu gabrielle hin-
über, welche ebenfalls, jedoch nach dresden, abreiste, um ihr Adieu zu
sagen, und fuhr dann auf den stettiner Bahnhof. um 6 ging’s ab, über
Angermünde etc. nach stettin, eine schrecklich langweilige gegend, sand
und ebene, nur hie und da etwas nadelwald, die einzige Abwechslung
bildeten hie und da heerden von weidenden Pferden und ochsen, beson-
ders aber von ersteren, deren Zucht hier sehr betrieben wird. in stettin
aß ich einen Bissen im hôtel de Prusse und stieg dann auf den dom, von
wo man eine sehr interessante Aussicht. stettin mit seinen unzähligen
Schiffen, da der Hauptarm der Oder (11–12 Fuß tief) mitten durchfließt,
links und rechts der stadt geringere Arme der oder und gleich dahinter
der sogenannte damm’sche see, die lagunen der ostsee, doch noch von
süßem Wasser, gleich an diesen stößt das haff (noch immer süßwasser)
und an dieses endlich, doch noch fast 15 meilen von stettin, das hohe
meer. von stettin aus sieht man so weit das Auge reicht Wasser, doch ist
es noch nicht das meer. Zwischen den oderarmen und dem damm’schen
See breitet sich aber ganz au niveau des Wassers die flache Ebene aus, ein
ganz holländisches Bild.
dann ging ich in den logengarten (weil er der hiesigen freimaurerloge
gehört), wo man eine sehr schöne Aussicht hat, trank dort meinen caffeh
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien