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Oktober 1843
sche und wohlgekleidete mädchen sind, besonders hier in Amsterdam sah
ich ein solches, das wirklich sehr hübsch aussah.
Was mir hiebey besonders auffiel, war die unzahl menschen, besonders
frauen, aus den unteren volksklassen, welche außen auf der straße steht
und dem lärmen inwendig zuhört, das muß doch zur demoralisation beytra-
gen.
gestern früh um 8 uhr verließ ich rotterdam, nachdem ich durch die
nachlässigkeit der leute im hôtel beynahe den Wagen versäumt hätte, um
nach dem haag zu fahren, der Weg ging über overschie und delft und war so
anmuthig und reizend, als man sich nur etwas denken kann, eine beständige
folge von landhäusern, gärten, fermes, eleganten Windmühlen, von de-
nen es in ganz holland, besonders aber hier eine masse gibt, sie dienen nicht
allein zum mahlen des getreides, des tabaks etc., sondern auch zum Aus-
pumpen des Wassers von den Wiesen, welche tiefer liegen als die canäle, das
meer und die flüsse, welches in ganz süd- und nordholland der fall ist und
einen sonderbaren Anblick gewährt. dieses ausgepumpte Wasser wird dann
zur Zeit der ebbe, wenn der Wasserstand in den canälen niedrig ist, in diese
geleitet. diese kanäle, deren es eine unzahl gibt, sind mit hölzernen Planken
umgeben, die ein Paar spannen höher sind als der Wasserspiegel, und von
denen unzählige schleußen und nebenkanäle in die benachbarten Wiesen
gehen und diese bewässern. Auf ihnen schwimmen unzählige fahrzeuge und
treckschuiten (trekken, ziehen, weil sie von Pferden gezogen werden).
um 10 war ich im haag, ich sah das museum, worin eine sehr mittelmä-
ßige Bildergallerie ist, unten ist in 6 sälen eine sehr interessante curiositä-
tensammlung aus der holländischen geschichte (darunter reliquien von van
speyk, der sich 1831 vor Antwerpen in die luft sprengte1), dann chinesische,
japanische, ostindische, afrikanische etc. sammlungen, um diese gehörig
zu sehen, würde man tage brauchen, dann fuhr ich nach dem 1/2 stunde
entfernten scheveningen, sah das Badehaus, die dünen etc. leider war die
Brandung gerade ziemlich gelinde; die Leute baden hier in einer Art von
Wägen, die mit Pferden ins meer gefahren und dort ausgespannt werden.
hinter dem Wagen ist eine Art von treppe wie bey den omnibus, auf diese
tritt der Badende und läßt sich von den Wogen anschlagen. in scheveningen
werden eine menge von muschelarbeiten verfertiget. der Anblick der nord-
see ist hier imposant.
Auf dem rückwege fuhr ich durch den Bosch, d.i. der königliche garten,
ich wollte noch das Palais, welches darin steht und sehr interessant seyn
1 der holländische leutnant Jan carl Josephus van speijk sprengte sich am 5.2.1831 samt
seinem schiff im hafen von Antwerpen in die luft, um nicht von den belgischen Aufständi-
schen gefangengenommen zu werden.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien