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Dezember 1843
rung aufrichtigen Beystand zu leisten, statt sie durch ein unweises häkeln
und Boudiren noch mehr zu schwächen und so die russischen Absichten,
d.i. gänzliche Auflösung und Anarchie in jenem Reiche zu befördern. Daß
Oesterreich dieses einsehen werde, zweifle ich, es wird wohl wieder eben so
dumm darein fahren wie bisher in allen ähnlichen gelegenheiten. unsere
inneren Zustände fangen an, im Auslande, namentlich in deutschland, im-
mer mehr beachtet und besprochen zu werden, und das ist sehr gut, es gibt
uns nach und nach den politischen sinn, der uns bisher so sehr abging, und
das gefühl unserer Bedeutung, und das kann und muß zum fortschritt
führen. Auch die vielen schriften, die fortwährend über oesterreich er-
scheinen, tragen mächtig dazu bey, und ich wünsche mir glück, meiner-
seits dazu ein gutes theil contribuirt zu haben.
[mailand] 11. dezember
Wir haben bisher das schönste Wetter von der Welt gehabt, ganz wie im
verflossenen Jahre um diese Zeit, manchmal war es sogar wirklich heiß.
mein leben verstreicht ziemlich einförmig, ich gehe oft zu mestchersky,
welche noch immer hier sind, man sagt, daß ich hélène m. heirathe! en
voilá une par exemple, doch sind es recht gute liebe leute und Boris’ frau
besonders eine charmante graziöse kleine Person. Abends bin ich meistens
bey Julie samoyloff und mache mit ihr eine Whist-parthie, seit einigen ta-
gen hat sich nun auch ein sehr geistreiches hasardspiel dort etablirt, an
dem Julie großes Gefallen findet, und wo ich regelmäßig mein Geld ver-
liere. mathilde Berchtold ist ebenfalls hier, doch gehe ich weniger zu ihr, da
mir aus mehreren versuchen ihr salon lange nicht so homogen ist als der
Julie’s, noch gibt es alle tage geschichten, Brouillerien und farcen zwi-
schen all den Weibern, welche diese coterie bilden, und dieses ist für einen
nichtbetheiligten, wie ich bin, oft recht amusant, eine neue Acquisition in
diesem Kreise ist eine Baronin Pflummern geb. Taufkirchen aus München
und ihr langweiliger unglücklicher liebhaber, general rath, der unaus-
stehlichste der sterblichen. Alfred lotzbeck ist hier und scheint ziemlich
lange bleiben zu wollen, trubetzkoi und ich haben die Aufgabe, ihn hier zu
lanciren, auch kein sehr amusantes subjekt. trubetzkoi ist zum geburts-
tage der erzherzoginn nach Parma, hoffend sich da einen orden zu holen,
was wohl nicht gelingen wird, ich habe ihn an ida Bombelles empfohlen.1
ich wäre hauptsächlich wegen dieser recht gerne nach Parma gefahren,
wenn ich es auf eine bequeme Art, z.B. mit spaur, hätte thun können, doch
1 Gräfin Ida Bombelles war eine Schwägerin von Marie Louise Fürstin v. Parma, ihr 1843
gestorbener mann ludwig war ein Bruder von marie louises drittem gatten (seit 1834),
graf charles-rené Bombelles.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien