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Dezember 1843
weniger gesuchte und daher leichter zu erlangende stelle zu begehren, um
auf diese Art in die diplomatie zu kommen. doch verschob ich es damals,
weil ich früher erst den erfolg meiner schritte wegen der südamerikani-
schen mission wissen mußte, und diesen, d.h. das complete fehlschlagen
meiner Pläne, erfuhr ich erst hier bey meiner Zurückkunft. nun wartete ich
auf eine günstige gelegenheit, und diese schien mir sich jetzt gebothen zu
haben, indem felix schwarzenberg nach Wien geht. ich sprach ihm daher
bey Walmoden, wo ich mit ihm aß, sehr lange davon, er versprach mir, davon
mit dem fürsten metternich zu sprechen, widerrieth mir aber sehr, den Po-
sten in Brasilien zu begehren, weil da keine Wahrscheinlichkeit vorhanden
wäre, unter 6 Jahren wieder weg zukommen. ich schrieb dann dieser tage
an Baron depont und bath ihn, mir zu sagen, ob er glaube, daß ein mémoire
an fürst metternich zum Zwecke meines übertrittes in das diplomatische
corps einen guten erfolg haben dürfte? von Brasilien sprach ich also nicht,
wenigstens nicht ausschließlich, sagte aber, daß ich jede Bestimmung, sey
sie wo immer hin, gerne annehmen würde. diesen Brief wird depont, wie
ich weiß, dem fürsten vorlegen, und sonach wird seine Antwort so ziem-
lich entschieden ausfallen. die idee jener handelsreise nach America habe
ich Angesichts der unmöglichkeit ihrer Ausführung so ziemlich aufgege-
ben und mich bald darüber getröstet, erstlich sind regrets überhaupt nicht
meine sache, und dann ist bey allen meinen Plänen und Projekten das liebe
ich stets im vordergrunde, und ich interessire mich um die sachen selbst
nur in so weit, als dieses schätzbare Ich dabey seine Rechnung findet, und
dieses gibt mir diese beneidenswerthe elasticität des geistes, welche mir
erlaubt, eine sache, deren unausführbarkeit ich erkannt, zu verlassen und
ohne Bedenken zu einer anderen überzuspringen, von welcher ich Besseres
erwarte. das hindert jedoch nicht, daß ich mich noch immer vorzugsweise
mit handels- und ähnlichen interessen beschäftige, denn in diesen liegt die
Zukunft der Welt und also auch die meinige.
mestchersky sind fort nach nizza, spaurs sind in trauer wegen des todes
der kleinen der armen clementine mocenigo, die hiermit ihr einziges in der
Welt verloren hat. der salon von Julie samoyloff, wo ich alle tage bin, ist zu
einer wahren spielspelunke geworden. doch spiele ich nur mäßig, weil ich
mich mit den damen besser unterhalte und nebstdem in BadenBaden eine
zu derbe lektion erhalten habe, leider geht sie schon am 27. nach Paris. ich
sehe öfters mlle grahn, eine hübsche niedliche dänin, welche diesen Win-
ter an der scala tanzen wird, indessen amusirt sie mich mit ihren cancans
von der französischen oper in Paris und von fanny elssler, mit der sie à
couteaux tiré ist. diese ist seit ein Paar tagen hier, doch habe ich ihre Be-
kanntschaft noch nicht gemacht, ihre cousine hermine e. ist auch da, und
wie natürlich haugwitz.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien