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stunden auszuruhen, und endlich mit dem dampfboote hieher, wo ich am
8. nachmittags ankam. noch am selben Abende traf ich zufällig flore, die
bereits in hetzendorf war, im schweizerhofe zu ihrem unendlichen erstau-
nen, indem sie meinen Brief, der ihr meine Ankunft melden sollte, erst
einige tage später erhielt.
gleich am tage nach meiner Ankunft fuhr ich zu Bombelles nach schön-
brunn hinaus und hatte eine lange unterredung mit ihm. tags darauf
sprach ich mit graf hartig, welcher sich zwar in dieser sache passiv erhal-
ten zu wollen erklärte, jedoch falls er befragt werden sollte, mir, wie er es
schon gethan habe, seine mitwirkung versprach. er war der meinung, daß
die formelle schwierigkeit, mich unmittelbar als wirklichen, d.h. bezahlten
sekretär anzustellen (welche zwar für fürst metternich keine, jedoch für
den an der bureaukratischen form klebenden ottenfels von großer Bedeu-
tung sey), dadurch umgangen werden könnte, daß ich Anfangs ohne irgend
einen titel in verwendung genommen, d.h. einstweilen mit Beybehaltung
meiner gegenwärtigen dienstverhältnisse provisorisch beurlaubt und zur
verfügung der staatskanzley gestellt und mir dafür ein eigens auszumit-
telnder gehalt bestimmt würde, und meinte, ich sollte dem fürsten in die-
sem sinne sprechen. leider war graf ficquelmont, der sich für diese An-
gelegenheit lebhaft interessirte, schon verreist, oder vielmehr er verreiste
wenige tage nach meiner Ankunft und ehe ich ihn noch sehen konnte, da
ich aus guten gründen damit warten wollte, bis ich den fürsten gesprochen
haben würde.
endlich sprach ich den fürsten metternich, was bekanntlich nicht leicht
ist, und fand ihn wie immer voll schöner Worte, ja so wortreich, daß man
darüber selbst kaum zu Worte kommen kann. doch war ihm die sache voll-
kommen gegenwärtig, nur verlangte er von mir eine abermalige schriftliche
eingabe hinsichtlich der mir von hartig angedeuteten modalität, welche
ich ihm dann auch ein paar tage später übergab. übrigens sagte er mir
beyde mahle, daß vor der rückkehr des Baron ottenfels, welcher die Per-
sonalien über sich hätte, in der sache nichts geschehen könnte, ich mich
daher bis dahin gedulden möchte.
graf Bombelles hatte übrigens, was nicht gerade ganz nach meinem
sinne war, immer und ausschließlich nur von Brasilien gesprochen und
rieth auch mir, dabey stehen zu bleiben, da nur solch ein bestimmtes Be-
gehren, und zwar um einen gerade nicht sehr gesuchten Platz das gelingen
erleichtern würde. nun hatte ich zwar besonders nach dem, was ich über
den charakter des gesandten grafen rechberg erfuhr, keine besondere
lust dazu, namentlich da ich vernahm, daß es mit dem chargé d’Affaires-
Werden auch nicht so bald gehen würde, wie man mich früher hatte glau-
ben machen, indem rechberg sich auf 7 Jahre engagirt hatte, nach und
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien