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Mai 1845
ich auch. caroline ist eine charmante liebe Person, aber Jetti ist das non-
plusultra weiblicher unwiderstehlichkeit.
Am selben tage früh reiste Walmoden ab, nach hannover, und Abends
gustav neipperg mit castle nach stuttgart. letzterer hat mich ersucht,
ihm dazu behülflich zu seyn, hier allenfalls im kommenden Winter Vorle-
sungen über Phrenologie halten zu dürfen, und ich habe es ihm zugesagt,
nicht der Phrenologie und auch nicht castle’s halber, sondern weil ich es
immer als einen gewinn, als einen Beytrag zur entwilderung des hiesigen
Publikums ansehe, wenn seine gedanken auf etwas ernsteres gerichtet
werden, als auf Würste und sauerkraut.
laszlo karoly reiste ebenfalls in diesen tagen ab, um als volontair auf ei-
nem englischen linienschiffe unter captain maunsell die reise nach china
zu machen. dagegen ist slomans (in hamburg) Projekt einer reise um die
Welt heuer nicht zur Ausführung gekommen, weil sich nur 15 reiselustige
meldeten.1 deutschland ist doch noch zu spießbürgerlich!
nachdem der ganze Winter und frühling bisher so langweilig als mög-
lich verflossen, ist plötzlich der Teufel in die Leute gefahren, und es hat
dieser tage Bälle etc. gegeben, 2 bey schwarzenberg, ein großer und sehr
schöner bey metternich etc., und man spricht noch von einem bey sir r.
gordon. Auch eine ziemlich leere redoute gab es neulich, wo mich meine
maske aus dem odeon (Adèle Zichy) nicht losließ. diese meine conquête ist
aber weder sehr hübsch noch besonders jung.
nächste Woche ist die installation louis karoly’s als obergespan des
neutraer comitats, vielleicht gehe ich da hin, ich wünschte sehr, solch ein
ungarisches fest zu sehen. ich bin jetzt im Begriffe, ungarisch zu lernen
und dazu den kommenden sommer zu verwenden. es wird mir interessant
seyn, eine nation und ein land kennen zu lernen, an welches wir uns in
vielen dingen spiegeln sollten.
die böhmischen deputirten sind noch hier. die conferenzen mit ihnen,
wovon man so viel sprach, beschränkten sich auf eine, worin sie ihre Begeh-
ren vortrugen. die Antwort wird im ämtlichen Wege erfolgen. erzherzog
stephan, der auch hier ist, ist wie immer charakterloser comödiant und
zieht hier gegen alle leute über salm los.
Am 15. war der einmarsch des husarenregiments kaiser nikolaus und
der Abmarsch der uhlanen, es soll superb gewesen seyn, leider kam ich
wieder zu spät, besonders der junge erzherzog franz Joseph an der spitze
einer division seiner dragoner soll ganz ausgezeichnet ausgesehen haben.
überhaupt ist die äußere erscheinung dieses jungen Prinzen eine sehr
vortheilhafte zum unterschiede von seinen verwandten, ob seine innerli-
1 vgl. dazu eintrag v. 25.3.1845.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien