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Juli 1845
ich war gestern per pedes in hadersdorf und aß bey loudon, eine herr-
liche Promenade. neulich war Pirutschade in schönbrunn, der herzoginn
von kent zu ehren, die gestern fort ist. dann bengalische Beleuchtung des
Parterre’s. morgen sollte Ball in schönbrunn seyn, wird aber wegen des
todes des alten fm Bellegarde, welcher gestern Abend erfolgte, abgesagt.
fürst metternich ist neulich nach dem rheine abgereist, ich begegnete
ihm unweit Penzing.
vorgestern war ich mit hugo nostitz, der eben angekommen, in döbling
bey spangen, welcher nach seiner schweren krankheit erschreckend aus-
sah, wir fanden ihn mit seinem stiefvater im garten der irrenanstalt des
dr. görgen.
[unter sankt veit bei Wien] 30. Juli
Auch die arme Justine erdödy ist hinübergegangen, sie starb am montag
den 27. um 11 uhr Abends. ich erfuhr es erst am morgen darauf im hause
selbst. Steffi war wie vernichtet, er führte mich zu der Todten hinein, wel-
che gar nicht entstellt aber wachsgelb war. das ganze haus ist ein haus des
Jammers, 7 kleine kinder! ich selbst fühle mich seit einigen tagen durch
diese wiederholten Aufregungen sehr betroffen, und manchmal fürchte ich
mich unwillkürlich vor dem schicksale viviens.
neulich war ich bey der herzoginn v. Angoulême und mademoiselle,1
welche hier in der nähe zu fechsdorf wohnen. sie sind beyde, wie sie vor
6–7 Jahren in görz waren, die tante ordinair und unangenehm, die nichte
liebenswürdig und voll geist und seele in den schönen blauen Augen, vor-
gestern war ihretwegen (und der modeneser Prinzessinnen) Ball in schön-
brunn, wo ich aber der trauer wegen nicht erschien.
Am Annatage, als dem namensfest der kaiserinn, war feuerwerk in
schönbrunn, welches trotz des strömenden regens sehr gut ablief. ich
stand unter lazzi festetics’s Paraplui im gedränge.
erzherzog friedrich ist gestern, nachdem er nur 2–3 tage hier verweilt,
an den rhein abgereist, um die königinn victoria dort zu begrüßen. ich
hätte sehr gewünscht ihn begleiten zu können, denn ich fühle das Bedürf-
niß, wieder einmahl hinaus zu kommen aus der dummen heimath, und
nach deutschland zieht es mich mächtiger als sonst irgend wo hin, aber
seine schnelle Abreise und die verspätete Ankunft Bombelles, dem ich dar-
über sprechen wollte, aus ungarn vereitelten leider meine Pläne. er hat
übrigens nur seine eigenen herrn, general lebzeltern und oberst marino-
vich mitgenommen
1 marie therese herzogin v. Angouleme, tochter von könig ludwig Xvi. und marie Antoi-
nette, und ihre nichte louise Prinzessin v. Berry, enkelin von könig karl X. von frankreich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien