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Tagebücher560
Auch der Ball bey clary und noch ein paar andere wurden abgesagt oder
verschoben, es gab daher diese Woche nichts als ein improvisirter kleiner
Ball bey fürstinn lorchen [schwarzenberg].
kielmannsegge ist gestern frühe fort, ich sah ihn ziemlich viel, einen
Abend besuchten wir zusammen den neuen tanzsaal im sophienbad (im
sommer eine schwimmschule), welcher das schönste und geschmackvollste
ist, was ich in dieser Art gesehen, wo es aber an dem tage ganz entsetzlich
leer war, und das odeon, einen andern Abend war ich mit ihm im thea-
ter auf der Wieden, wo uns der treffliche Beckmann, welcher nun leider im
Burgtheater engagirt worden ist, in der „reise nach spanien“ und als preu-
ßischer landwehrmann sehr amusirte. k. erzählte mir viele geschichten
aus mailand, die mir meist unbekannt waren. etwas was ich hier doch nicht
gefunden habe und auch nicht finden werde, sind salons wie die bey Julie
samoyloff und mathilde Berchtold.
Pischek singt jetzt auf der Wieden und entzückt alle Welt, ich konnte noch
keine loge bekommen
neulich war ich auf einem theaterball in der Josephstadt, wo ich meh-
rere alte Bekanntinnen wiederfand: dlle rosarins [?], erhartt, steiner, mad.
Wass (franzl Palfy ist in venedig), mad. Beckmann, dlle grüner etc.
edmund hartig ist declarirter Bräutigam mit Julie Bellegarde, worüber
ich mich sehr freue, sonderbar, daß ich voriges Jahr Julie B. mit seinem Bru-
der verkuppeln wollte.
ich habe so eben einen neuen Aufsatz für die „gegenwart“ vom stapel ge-
lassen, und zwar über die Adressedebatten in den französischen kammern
vom constitutionellen gesichtspunkte aus betrachtet, der Artikel über das
recht der Arbeit befindet sich noch immer in der verhandlung bey der cen-
surbehörde.
in der politischen Welt nichts neues. graf nesselrode ist seit ein paar
tagen hier, die englische Parlamentssitzung ist so eben eröffnet worden,
und gestern war die congregation des Pesther komitates, auf die man so
gespannt ist, es wird da auch der Bericht der letzten deputation vorgekom-
men seyn. vedremo. Philipp stadion geht morgen nach modena ab, um das
Beyleid unseres hofes zu überbringen.
diesen morgen ist der 2. sohn der fürstinn louise schönburg nach langer
krankheit gestorben.
henriette nostitz ist hier und soll im märz entbinden, ich sah sie diesen
Abend bey flore. dann ging ich noch auf einen Augenblick auf den Ball bey
Pereira, wo aber heute viel weniger menschen waren als neulich. ich glaube,
die guten leute haben sich durch die unglückliche idee, sich in die Aristocra-
tie lanciren zu wollen, einer reihe von Avanieen ausgesetzt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien