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Tagebücher564
gesichte so vieler chicanen, so unendlicher dummheit, meine Zeit und mei-
nen geist so nutzlos zu vergeuden. die flügel sind mir gesunken. Wieviele
solche unterdrückte intelligenzen hat unsere schandvolle censur auf dem
gewissen! gott besser’s, ich aber wollte, ich wäre weg, weit weg aus diesem
lande, wo die gemeinheit und die stupidität regieren.
ich lese jetzt toussenel’s les Juifs rois de l’époque. das Buch ist ein ereig-
niß, mir aus der seele geschrieben, ich muß oft das titelblatt nachsehen, um
mich zu überzeugen, daß nicht ich es bin, der das Buch geschrieben hat.
ottenfels ist pensionirt, und an seiner stelle ist lebzeltern ernannt,1 je
crois qu’à peu près l’un vaut l’autre.
Wir haben nun schon seit 8 tagen ein so schönes und warmes Wetter, daß
man beynahe in sommerkleidern ausgehen möchte. es haben schon ein paar
déjeuners im freyen stattgefunden. die dampfschifffahrt ist schon seit eini-
gen Wochen eröffnet, es gibt hie und da schon veilchen.
[Wien] 27. februar
die nachrichten aus Polen lauten immer betrübender, unsere truppen sind
bis an die schlesische grenze zurückgegangen, weil unbegreiflicherweise
weit und breit keine verstärkungen zu haben waren, und die 600 mann,
die in Podgorze und dann in krakau standen, sich gegen die insurgenten
nicht halten können. Auch mit den lebensmitteln sieht es bey dem dießjäh-
rigen mißjahre übel aus. Wieliczka ist preisgegeben. die insurgenten strei-
fen schon bis ungarn ins Arvaer comitat. übrigens ist lemberg ruhig und
die communication frey. Alles rennt durcheinander, und man hört die lä-
cherlichsten gerüchte, heute heißt es, 10.000 russen hätten krakau besetzt,
das wäre sehr ehrenvoll für uns hinausgejagte, und die Polen hätten Adam
czartoryski zum könige von Polen ausgerufen. Anfangs faselte man hier von
communistischen verschwörungen. dieses Wort ist jetzt mode geworden wie
einst die Jakobiner und früher die Jesuiten.
die maßregeln, die hier ergriffen werden, sind gut oesterreichisch, d.h.
schneckenlangsam, doch marschiren truppen aus mähren dahin, und am 3.
fährt das regiment deutschmeister nach olmütz (per eisenbahn), um diese
zu ersetzen. Wie unbegreiflich dumm, daß wir keinen telegraphen haben!
diese ganze rath- und hilfslosigkeit erinnert mich lebhaft an die schilde-
rungen aus 1805 und 1809, wir sind um nichts klüger geworden, ein gutes
Avis au lecteur für Alle die, welche auf eine künftige umwälzung in größe-
rem maßstabe rechnen oder sich davor fürchten.
1 diese information erwies sich als falsch, frh. franz v. ottenfels-gschwind blieb bis 1848
leiter der administrativ-inländischen Abteilung der staatskanzlei und wurde nicht durch
den früheren Botschafter in neapel graf ludwig lebzeltern ersetzt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien