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April 1846
paar monathen sehr schlecht behandelt) bestimmt war und bloß seines volu-
mens wegen separat gedruckt worden ist
c[ampe] hatte am 23. märz noch nichts, was bedeutet dieß?1 est-ce qu’il
se préparerait quelque chose? das gibt mir viel zu denken, ich traue keinem
mehr.
die arme caroline esterhazy ist gestern gestorben. georges ist auf ur-
laub hier, ebenso zimpferlich und wichtigthuend als sonst. toni Waldstein
ist heute mit croy nach italien abgereist, seine mutter und schwester sollen
am 14. kommen. eine menge Böhmen war in diesen tage hier, fritz thun,
ledebour, Wilhelm mittrowsky etc.
die französischen Zeitungen speyen jetzt feuer und flammen gegen oe-
sterreich wegen der polnischen insurrektion, neulich war im charivari ein
Artikel über die fürstinn metternich, der sehr viel zu lachen gab, es war
darin von ihrem ascendant über den fürsten und wieder von dem ascendant
de jeune lionceau hügel (!!) über sie die rede.
übrigens hat man hier für nothwendig gehalten, die (vollkommen wahre)
Zeitungsnachricht, daß die Behörden in galizien einen Preis von 5 fl für die
einlieferung eines jeden insurgenten ausgesetzt hätten, mit einem Auf-
wande von Phrasen und tugendhafter indignation zu désavouiren, ich kann
nicht einsehen, warum? denn abgesehen davon, daß eine solche maßregel
um nichts härter wäre als die taglia2 für die einbringung eines deserteurs,
die bey uns täglich vorkömmt, so hat man ja in diesem falle auch noch die
beste entschuldigung, die der nothwehr im ersten Augenblicke. der gute
Zedlitz hat da wieder mit seiner gewöhnlichen ungeschicklichkeit hinein-
getappt, er überschießt immer sein Ziel und schadet dadurch seiner eigenen
sache (oder vielmehr der seiner lohnherren, denn eine eigene sache hat er
nicht) am meisten.
[Wien] 11. April charsamstag
durch den unerwarteten glücklichen Ausgang der polnischen insurrektion
ist den leuten hier der kamm gewaltig geschwollen, sie glauben, auf die
ergebenheit des gemeinen volkes in allen ländern pochen zu dürfen. lei-
der ist dadurch der Bureaukratie, welche schon stark im sinken (d.h. in der
meinung und Werthschätzung) begriffen war, wieder ein starker vorschub
gegeben, und es dürfte eine reaktion gegen den Adel und die (ohnehin küm-
merlichen) ständischen institutionen versucht werden. so hört man allent-
halben sprechen, und erst gestern hatte ich eine lange discussion mit lato
Wrbna, der ganz ungescheut in diesem sinne deklamirte. speciell für gali-
1 vgl. dazu eintrag v. 13.2.1846.
2 kopfgeld.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien