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August 1846
festung magdeburg sitzt und dessen rein historische bey campe erschie-
nene Brochure: l’Ami du peuple, so eben von der preußischen regierung
verbothen worden ist.1 doch geht sie dabey ganz loyal zu Werke: die An-
klageakte des königlichen oberprocurators beym obercensurgerichte wurde
campe (der sie mir zeigte) zur vertheidigung mitgetheilt und erst über sein
stillschweigen das verboth ausgesprochen. Wären wir erst so weit.
nebstdem ist campe aber auch der Patron aller jungen oder anonymen
schriftsteller, die auf verbotenen Wegen wandeln, und es ist amusant, die
masse von schriften, politischen geschichten etc. zu sehen, die ihm zuge-
sandt werden, die er in seiner komisch phlegmatischen Weise oberflächlich
durchsieht und dann meistenstheils wieder zurückschickt. unter andern
dingen kam, als ich eben bey ihm war, ein manuskript von einem Wie-
ner (scherzer) über oesterreichs sociale Zustände und über die mittel, die
untern klassen moralisch und materiell zu heben, schien mir nicht übel.2
ein anderes original lernte ich bey ihm kennen, einen herrn stàncsics aus
Pesth,3 aussehend wie ein schmutziger handwerksbursche, der ihm ein un-
garisches Werk über Philosophie und natürliches staatsrecht aufgeschwätzt
hat.
Bey schuselka war ich bloß einmahl, er trug sich mir an, zur gewinnung
von Zeit die correctur der schrift zu übernehmen. doblhoff war bey ihm ge-
wesen, hatte ihm mehrere der staatsschriften der niederösterreichischen
stände mitgetheilt, und diese scheinen auf ihn einen sehr günstigen ein-
druck gemacht zu haben. schuselka ist ein guter teufel, der gar zu gerne
wieder nach oesterreich kommen dürfen möchte, und dessen Prüfungszeit
erst kommen wird, wann einmahl diese gloriole aufhören wird, welche ihn
jetzt tröstet.
einen Abend war ich im theater, wo eine tänzerinn aus moskau (dlle
sankowsky) in der fille du danube tanzte, so so, in wenigen tagen soll lu-
cile [grahn] auf gastrolle nach hamburg kommen, ich bin recht froh, daß
ich ihr ausgekommen bin. im theater traf ich herrn schutte, der mich nicht
mehr losließ, in den neuen Alsterpavillon führte und mich einlud, tags dar-
auf (sonntag) mit ihm bey reinville zu essen. das geschah denn auch beym
schönsten Wetter von der Welt, nur war die hitze groß, dagegen die Aussicht
auf die elbe etc. herrlich, eine sehr gute musik, ein gutes diner und eine
sehr freundliche fahrt über Altona, ottensen, an klopstocks grab vorbey
1 l’ami du peuple. skizzen aus marat’s journalistischem leben (hamburg 1846). die ano-
nyme Broschüre wird in den einschlägigen katalogen nicht edgar Bauer zugeschrieben.
2 Wahrscheinlich handelt es sich um karl scherzers erst 1848 in Wien erschienene studie
über das Armthum.
3 Wohl der Publizist michael stancsics (tancsics).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien