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Tagebücher614
etc. nur genirt mich die unglückselige hamburger gastfreundschaft, kraft
welcher sich die leute verpflichtet glauben, jeden trunk Wasser für einen
fremden zu bezahlen, so daß man am ende kaum mehr den mund aufzu-
thun wagt. Auf dem rückwege besuchten wir den hamburger Berg und
einige der berühmtesten tanzhäuser daselbst (4 löwen), wo wir die schön-
sten huren und die schmutzigsten matrosen fanden.
Auch die Börse hatte ich mir wieder einmahl zur Börsenzeit ganz gemäch-
lich angesehen, es gibt doch kein zweckmäßigeres, bequemeres und rationel-
ler eingerichtetes gebäude dieser Art in ganz europa.
gestern um 1/2 4 nachmittags fuhr ich per eisenbahn von Altona ab, eine
herrliche fahrt. holstein ist eines der schönsten üppigsten länder die ich
kenne, die herrlichsten Wiesen mit dem schönsten hornvieh, die schönsten
Äcker, jeder einzeln mit lebendigen hecken eingefaßt, dazwischen der herr-
lichste Baumwuchs, die freundlichen rothen häuser, hie und da wohl auch
große flächen, wo torf gestochen wird, und dann hie und da größere und
kleinere seen, ein fast ganz flaches land, erst in der nähe von kiel fängt
ein merkwürdig wellenförmiges hügelland an, welches aussieht wie eine mit
grün und Bäumen überwachsene sanddüne. um 1/2 7 war ich in kiel, in der
schönsten lage von der Welt an einem 2 meilen langen Busen der ostsee.
meine sachen wurden hier sehr gelinde visitirt, und ich stieg im gasthofe
zur stadt hamburg ab. ich erkundigte mich nun hier um die fahrgelegen-
heiten nach kopenhagen. das facit ist, daß ich am schnellsten hinkomme,
wenn ich morgen nachmittag mit dem neuen dampfschiffe stadt copenha-
gen abfahre.
heute früh bin ich eine stunde lang in der herrlichen Bucht herumgese-
gelt, habe dann zu düsternbrook ein seebad genommen, ein Wannenbad im
vergleiche zu helgoland, aber in der himmlischesten lage von der Welt, und
habe dann den schönen Weg bis hieher zu fuße zurückgemacht. es ist nicht
möglich, etwas Anmuthigeres zu sehen als diese gegend. nachmittag war
ich in tivoli, einem tagestheater im freyen, wo ich eine menge hübscher
gesichter sah, zu beyden seiten der Bänke und tische waren riesenhafte
samovars für die theetrinker. nachher machte ich noch eine Promenade
nach dem herrlichen düsternbrook. ich kann mich nicht satt sehen an die-
ser schönen gegend mit dem herrlichen grün und dem magnifiquen Baum-
wuchs.
Warum geschieht in allen deutschen, besonders norddeutschen städten
soviel für Anlagen und spatziergänge, während bey uns selbst in den be-
deutendsten städten gar nichts darauf verwendet wird? sinn für natur und
lust zum spazierengehen hat man bey uns so wie hier. Antwort: weil keine
municipalfreyheit, folglich kein gemeinsinn vorhanden ist, vielleicht auch,
weil doch unläugbar der Wohlstand bey uns geringer ist.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien