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Oktober 1846
ches nicht mehr wie damals die vollständige schilderung unserer Zustände
enthalten, sondern die idee der trias: ständewesen, intelligenz und kom-
munalfreyheit, als einziges rettungsmittel ausführen soll. Zudem räth mir
doblhoff, ja nichts zu sagen, was die Welt der Banquiers etc. erbittern oder
verwunden könnte, da dieses mein dankbarstes lesepublicum sey. nun sind
aber meine Ansichten in finanzsachen dem interesse dieser leute schnur-
stracks entgegen. da liegt also ein knäuel von complicationen.
übrigens ist mir das Werk unter der hand angewachsen, so daß es weit
stärker werden wird als das frühere, und mit den vielen urkunden, wel-
che ich im Anhange abdrucken lasse, werden die 20 Bogen, welche campe
wünschte, wohl noch überschritten werden. ich hoffe, der ton wird im gan-
zen weniger verletzen, dagegen aber tiefern eindruck machen als der des 1.
theiles, im ganzen kann der eindruck nur ein tröstlicher seyn, denn jetzt
spreche ich meine hoffnung einer heilung unserer schäden und die leich-
tigkeit, dieselbe zu bewirken, offen und lebhaft aus, während ich damals so
ziemlich an der rettung verzweifelte. Auch praktischere, gereifte Ansichten
und kenntnisse und weniger gelehrt seyn sollende Zitationen wird man in
diesem 2. theile finden, kurz ich hoffe, es soll der Welt beweisen, daß diese 5
Jahre für mich nicht umsonst verstrichen sind. dagegen wird er die Bureau-
kratie, die ich dießmal noch rücksichtsloser angreife, freylich tief verwun-
den.
indessen erzählt man in Wien die fabelhaftesten geschichten von mir,
meiner entlassung aus dem staatsdienste etc., und ich scheine wirklich
für den moment l’héros du jour zu seyn. neulich als ich auf ein paar stun-
den in der stadt war, sprachen mich mehrere leute auf der straße deßhalb
an. heute erzählte mir doblhoff eine ganze geschichte, welche ich neulich
beym schwan beym essen über die Art meiner entlassung erzählt haben
soll! während ich meinen fuß nicht in jenen saal gesetzt habe. daß ich un-
angenehmen Augenblicken entgegen gehe, besonders wenn mein 2. theil
erscheinen wird, ist kein Zweifel, und deßhalb wäre es vielleicht besser ge-
wesen, wenn mein inkognito noch um sechs monate länger gedauert hätte.
Jedenfalls muß ich mich nach einer neuen lebensstellung umsehen, was bey
meinen zerrütteten vermögensumständen nicht ohne kampf abgehen wird.
Aber seit ich zu dieser notorietät gelangt bin, kann ich, wenn ich auch wollte
(was ich nicht will), nicht mehr zurück, außer ich wollte geradezu pater pec-
cavi sagen und mich zum hasenfuß, Zedlitz oder so etwas stempeln, wovor
mich der herr in gnaden bewahren wird. es bleibt mir nichts übrig, als mit
der gegenwart abzuschließen und meine hoffnungen in die Zukunft zu set-
zen. Bin ich doch 30 Jahre alt, und unsere faiseurs 70 – !
doch läugne ich nicht, daß mir manchmal sonderbar zu muthe ist, hätte
ich mein vermögen noch, so wäre das gewiß nicht der fall, indessen ohne
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien