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64512.
Dezember 1846
großfürstinn helene zu sehen, heute Abends geht er wieder weg, er brachte
12 tscherkessen mit, um die leiche nach Petersburg zu begleiten.1
ich studire jetzt unser ständisches Wesen mit möglichster gründlichkeit,
sitze über alten landesordnungen, Partheidingen etc., denn darin liegt un-
ser Weg. Auch habe ich angefangen ungarische sprachlektionen zu nehmen,
kurz ich arbeite mich ein für meine künftige Wirksamkeit. Abends gehe ich
manchmal ins theater oder zu gabrielle etc., später auch zur fürstinn chri-
stiane [colloredo], seltener zu der grundlangweiligen ritter etc.
[Wien] 12. december
das erscheinen meines 2. theiles wird sich wohl, d.h. seine Ankunft loco
Wien, bis nach der mitte Jänner verzögern, denn bey dieser Jahreszeit und
den schlechten straßen dauert Alles länger, als man berechnete. ich habe
bis jetzt von hamburg erst nachricht über die Ankunft der 2. sendung, von
leipzig über die der dritten, jetzt hat campe jedenfalls das ganze. einst-
weilen studiere ich hier mit vieler Anstrengung unsere ständischen verhält-
nisse, lese die alten landesordnungen, ständischen Akten, die desiderien
von 1790, mache mir Auszüge, sammle materialien und hoffe, mir nach und
nach eine ziemlich vollständige registratur über das ständewesen der ver-
schiedenen Provinzen zu verschaffen. Böhmen, mähren und niederöster-
reich werden mir keine schwierigkeiten machen, da habe ich schon durch
doblhoff und egbert Belcredi (welcher eben hier ist und ganz in meinem
sinne abundirt) das wichtigste beysammen und hoffe, das fehlende noch zu
ergänzen, hinsichtlich der andern Provinzen aber dürfte es schwerer halten,
wegen obderenns habe ich mich an Breuner und franz saint Julien gewen-
det, im übrigen muß ich auf mittel und Wege sinnen.
meine Abreise dürfte um neujahr stattfinden, ich habe eine abermalige
einladung von Ansbach aus erhalten, ich werde mich 8–10 tage in mün-
chen aufhalten, dann über Augsburg, wo ich mit kolb manches bespre-
chen möchte, nach Ansbach gehen. meine rückreise werde ich wohl über
Prag nehmen, um mich dort mit den böhmischen matadors zu besprechen,
bis dahin wird als précurseur auch mein Buch erschienen seyn. so will ich
das nützliche mit dem Angenehmen zu vereinigen suchen. ich ward neu-
lich ganz aufgebracht, als mir die stadttrompete edmund Zichy erzählte,
es heiße allgemein, ich habe einen gnadengehalt!! von 2000 fl erhalten! die
infamieen und nadelstiche der Polizey fangen wohl schon an. das kann nur
ein absichtlich ausgesprengtes gerücht seyn.
1 die am 19.11.1846 in Wien verstorbene großfürstin maria michailovna war eine tochter
von großfürst michael, einem Bruder des Zaren und onkels des thronfolgers Alexander,
und seiner frau helene, geb. Prinzessin von Württemberg.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien