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65712.
Februar 1847
man mißhandelte die sonnambula, und ich riß in der mitte des 1. Aktes aus
mit dem vorsatze nie wieder zu kommen.
erzherzog stephan ist unter dem Jubel der opposition zum locumtenens
in ungarn ernannt worden, über den landtag verlautet noch nichts,1 dage-
gen scheint die opposition nach und nach in siebenbürgen am landtage die
oberhand zu gewinnen. montalembert hat in der französischen Pairskam-
mer wegen krakau eine donnernde aber magnifique rede gehalten, worin er
uns mit seinem mitleide beehrte. und Alles, guizot voraus, gab ihm recht.
dahin ist es mit uns gekommen, dank metternich und konsorten. denn es
läßt sich nicht läugnen, unsere gegner haben recht, schlagendes recht, und
in Allem und Jedem recht. das ist die nemesis, welche dem gelobhudelten
minister noch vor seinem ende die maske abzieht und ihn in seiner ganzen
Jämmerlichkeit darstellt.
der Bruch zwischen frankreich und england, eigentlicher zwischen
guizot und Palmerston scheint durch die nunmehr in beyden ländern den
kammern vorgelegten Papiere rücksichtlich der spanischen heirathen ein
unheilbarer geworden zu seyn.2 Jedenfalls aber hat der hundsjude louis
Philippe auf ewig das vertrauen der Welt verloren.
die preußische staatszeitung hat wieder so ein perfides requisitorium ge-
gen die „kommunistische Partey“ erlassen, indem sie Bruchstücke aus den
schriften von marr und freiligrath veröffentlicht, die nun die runde durch
alle Blätter machen. die Weser Zeitung antwortete in einem sehr schönen
Artikel, und kolb versprach mir denselben als entgegnung aufzunehmen,
sonst gerathen die köpfe unserer k.k. dummköpfe wiedrum in Brand. ob
er es aber thut, steht dahin, denn die Allgemeine Zeitung ist und bleibt ein
nichtsnutziges, perfides und serviles Blatt, und wenn ich mit ihr paktire,
so geschieht dieß nur aus noth, weil sie nämlich die einzige ist, welche in
oester
reich einen bedeutenden leserkreis hat.
heute schrieben mir clara und celia horrocks aus mannheim, ich möchte
sie doch besuchen, ist leider nicht möglich.
[Ansbach] 12. februar
ich langweile mich hier wie ein mops. Besonders seit ein paar tagen fange
ich nun schon an, die stunden bis zu meiner Abreise zu zählen. das leben
hier in der familie ist aber auch gar zu einförmig und spießbürgerlich. der
1 mit 16.1.1847 (datum des kaiserlichen ernennungsschreibens) wurde erzherzog stephan
zum statthalter (locumtenens) von ungarn ernannt, am 27. märz legte er den eid ab. mit
der Wahl durch den am 12.11.1847 eröffneten ungarischen reichstag folgte er seinem am
13.1.1847 verstorbenen vater erzherzog Josef auch als Palatin von ungarn nach.
2 Zur doppelhochzeit im spanischen königshaus vgl. eintrag v. 22.9.1846.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien