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März 1847
mich wegen der möglichen folgen für meine persönliche sicherheit gewarnt,
und ich gestehe, daß ich beynahe mit einiger Bangigkeit nach Wien gehe,
aber was ist zu thun? que la volonté dieu s’accomplisse, besonders unter den
ungarn in Wien soll der 2. theil sehr gefallen – gutes omen.
ein dekret inzaghys, welches sehr dringend und wichtig seyn soll, und
das man durchaus nicht ins Ausland schicken wollte, hat mich in Wien wie-
derholt und erst jetzt wieder gesucht, was mag es enthalten?
man erzählt hier die Abdankung des königs von Bayern als gerücht, neu-
lich war ich bey erzherzog carl ferdinand, erzherzog stephan ist in Wien.
Abends gehe ich meistens zu Belcredi, wo immer viel leute sind, nachher
manchmal in die ressource. Waldsteins sind fort, neulich sah ich im theater
den „feensee“ mit prächtiger Ausstattung.
Wien 7. märz 1847
seit donnerstag dem 4. bin ich hier. die conferenzen und ständischen Be-
rathungen bey fritz deym, Pepi thun und neuberg (die sich, obwol sie
alle 3 im ganzen denselben gang gehen, dennoch spinnefeind sind) dau-
erten in den letzten tagen meines Aufenthaltes fort, und noch am tage
meiner Abreise war ich fast 3 stunden lang bey deym und verabredete das
nöthige wegen unserer künftigen geschäftsverbindung. Wegen meiner wei-
tern idee: der herausgabe alter ständischer handfesten und Privilegien,
werde ich aus Böhmen wohl nicht viel material erhalten, denn so mächtig
die böhmischen stände auch im mitteltalter waren, so existiren doch, und
vielleicht gerade deßhalb, nur sehr wenige eigentliche freyheitsbriefe, ur-
kunden, etc.
im ganzen scheint mir die schwäche der böhmischen stände hauptsäch-
lich in folgendem zu liegen: 1. daß sie noch viel zu sehr aristokratisch sind,
was auch daher kömmt, daß der ritterstand beynahe gar nicht zu den land-
tagen etc. erscheint, der 4. stand ist ohnehin fast null, namentlich bey un-
serer schmählichen municipalverfassung, der ständische kanzleydirektor
falk hat übrigens hierüber so eben eine Brochure herausgegeben, welche
mir neuberg gab.1 2. die insubordination des ständischen Ausschusses, wel-
che so weit geht, daß er z.B. die steuern anders ausschreibt, als die stände
sie bewilligten. 3. der mangel einer geschäftsordnung, so daß der landtags-
direktor in leitung der debatten etc. eine unglaubliche macht hat. unbe-
greiflicherweise wollen aber die leute selbst keine geschäftsordnung und
instruction für den Ausschuß verfassen, weil sie sagen, sie würden sich da-
mit nur für die Zukunft die hände binden.
1 vincenz falk, die landesverfaßungsmäßigen verhältniße der königlichen städte als vier-
ten standes im königreiche Böhmen (Prag 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien