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Tagebücher676
Wird auch nichts erreicht, so ist doch so ein blinder vorreiter, besonders
wenn es ein reicher fürst ist, nicht genug zu schätzen. Auch stifft kömmt
öfters zu mir und steckt in seinem 4. stande bis über die ohren.
doblhoff hat eine Antwort für die Pesther Zeitung geschrieben, er gab
mir neulich simons bekannte schrift: „Annehmen oder Ablehnen?“ über
die neue preußische verfassung.1 das concludenteste und logischeste, was
man je sagen kann, und die großen eindruck auf mich machte.
die charwoche ging ruhig vorüber, ich machte bey hofe gar nichts mit.
seit ostermontag hat die italienische oper angefangen, für mich immer ein
fest, doch heuer ziemlich schlecht: bis jetzt ernani und lombardi. die ta-
dolini, collini, ivanoff, mirate etc. etc. ein (sehr gescheidter) hofkonzipist
Bosio arbeitet nun nach der von mir gegebenen idee an einer darstellung
der lombardischen gemeindeverfassung,2 neulich führte strasoldo ihn zu
mir, ein sehr nützliches und zeitgemäßes unternehmen.
Albert deym ist neulich nach Prag, ich gab ihm noch am letzten tage
seine instruktionen mit.
in mähren und schlesien und auch hie und da in den andern Provin-
zen herrscht allgemeine offene robothrenitenz, so daß militair einschrei-
ten muß. Allgemein ist der glaube unter dem Bauernvolke verbreitet, daß
mit nächstem eine unentgeltliche Aufhebung der roboth eintreten werde,
daher sie fast nirgends ablösen wollen. kaiser Joseph, so heißt es überall,
sey vom jetzigen Pabste aus seiner haft in der engelsburg, worin er bisher
gesessen, befreyt worden und sey nun auf der rückreise nach Wien. Alles
dieses ward’ in Prag gedruckt und verkauft.
[Wien] 20. April
heute habe ich ein langes opus an die Allgemeine Zeitung abgesendet,
nämlich einen Auszug und succus aus dem Berichte der kommission zur
Wahrung der ständischen rechte in Böhmen, ich bin neugierig, ob kolb
es annehmen wird, denn es enthält einige starke sachen, zwar nicht im
Ausdrucke aber nach seiner Bedeutung.3 Jetzt will ich noch einen längeren
Artikel über das repräsentationsrecht des 4. standes in niederoesterreich
schreiben (wozu mir stifft die materialien liefert, den ich aber auf seine
Bitte suspendirt habe, weil er so eben auf mehrere ganz neue und, wie er
sagt, höchst interessante urkunden gekommen ist und nun auf dieser Ba-
1 heinrich simon, Annehmen oder Ablehnen? die verfassung vom 3. febr. 1847, beleuchtet
vom standpunkte des bestehenden rechts (leipzig 1847).
2 casimir Bosio v. klavensbrunn, leichtfaßliche darstellung einer zweckmäßigen gemein-
deordnung (Wien 1848).
3 der Artikel erschien unter dem datum Prag, 18. April in der Allgemeinen Zeitung v.
5.5.1847, Beilage 995–997. vgl. auch eintrag v. 29.4.1847.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien